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Cees Nooteboom
Briefe an Poseidon

Cees Nooteboom, der in den späten fünfziger Jahren als Leichtmatrose anheuerte und seitdem Reiseberichte zu einer angesehenen literarischen Gattung gemacht hat, lädt die Leser zu einer Zwiesprache mit Göttern ein und bringt dabei die kleinsten Dinge auf poetische Weise zum Sprechen.

 

Neue Buchtipps Cees Nooteboom, Briefe an Poseidon, SuhrkampKleine Wortsammlungen

"Wie fängt etwas an?" Cees Nooteboom bekommt die Idee zu seinen "Briefen an Poseidon", als er vor einem Fischrestaurant am Münchner Viktualienmarkt Champagner trinkt und kurze Texte von Sandor Marai liest, aus einem Buch von 1938,

„…doch was ich in der Hand halte, ist das Werk eines Zeitgenossen, eines Menschen, der sein Leben mit Beobachten und Lesen, Reisen und Schreiben verbringt“

und als sein Blick auf die Serviette mit dem Aufdruck "Poseidon" fällt, nimmt er es als Zeichen und beschließt, wenn er Marais Buch beendet hat, Briefe zu schreiben, "kleine Wortsammlungen", die von seinem Leben berichten.

„Ich habe schon lange nach jemandem gesucht, dem ich schreiben könnte, wie aber schreibt man Briefe an einen Gott? Das ist ganz einfach, man tut es nicht, und man tut es doch. Was man schreibt, lässt man am Strand zurück, in der Hoffnung, dass er es findet. Es werden Dinge sein, die ich lese, die ich sehe, die ich denke.

 

Wundersame Fundstücke

Und was er da zwischen den philosophischen Befragungen eines entfernten Gottes versammelt, sind die wundersamsten Fundstücke: ein kleiner Stein in Buenos Aires, eher „die steingewordene Fahne eines unbekannten Regiments, rot, hellgrau, rot,“ der ihn seither erwartet, denn der vielreisende Dichter nutzt Dinge, die unscheinbar und von einer für andere nicht wahrnehmbaren Schönheit sind, um sich in anonymen Zimmern heimisch zu fühlen.

Oder die Geschichte vom Walfisch – was passiert mit diesem über hundert Tonnen schweren Tier, wenn es nach seinem Tod auf den Grund des Ozeans sinkt? Ein Leichenschmaus mit Tausenden von Gästen, deren gemeinsames Bestattungskunstwerk Nooteboom mit Lust schildert:

„Haie und leichenfressende Aale sind die ersten Gäste, zusammen mit fast 40 Arten von Schalentieren und Fischen, Krebsartigen und anderen gepanzerten, mit Klauen und Haken, jeder, der diese große Tiefe aushalten kann, meldet sich zur Stelle, frisst sich durch Blubber und Fäulnis weichen Fleisches, bis er beziehungsweise sie nicht mehr kann, diese Vorspeise dauert Monate oder wenn es sich um einen ausgewachsenen Blauwal handelt, auch zehn Jahre, Zeit spielt da unten keine Rolle.

 

Vergilbte Postkarte

Der Gedanke der Gleichzeitigkeit fasziniert Cees Nooteboom: Er, der Dichter, stellt sich vor, am Ball des Ambassadeurs in Buenos Aires 1938 teilzunehmen, er sieht die künftigen Feinde des heraufziehenden Krieges alle im selben Raum, vereint im Tanz, hört "vielsprachige Sätze, eingefroren mitsamt ihrer Bedeutung", und zugleich weiß er, dass die Körper dieser Menschen auf Friedhöfen von fünf Erdteilen verwahrt sind, - eine der vielen klugen Geschichten, ausgelöst durch eine vergilbte Postkarte vom schönsten Trödelmarkt Argentiniens, auch sie ein Fundstück, das wir betrachten können.

Oder der Besuch in Nagasaki: Die Niederländer der ostindischen Kompanie waren vor vielen hundert Jahren die einzige Verbindung Japans zum Ausland, und wenn Nooteboom ihre Namen liest, mischt sich die Vergangenheit der stattlichen Handelsschiffe mit ihren Kaufleuten aus seiner eigenen Heimat mit der Gegenwart einer Stadt, deren Uhren zum Zeitpunkt des Atombombenabwurf 1945 stehengeblieben waren.

 

Fragen an Poseidon

Er wendet sich an den Gott des Meeres und weiß doch, dass die Götter, diese "Sinnbilder einer Wirklichkeit vor der Geschichte", nichts anderes sind als Träume, Fiktionen, mögliche Antworten auf "die Fragen, aus denen wir bestehen" und die doch immer unbeantwortet bleiben. Wer die Macht hat, schreibt Nooteboom, bringt seine Götter mit, wer sie verliert, lässt seine Götter fallen, und er stellt Poseidon seine Fragen, ohne auf Antwort zu hoffen.

„Wenn man es so betrachtet, sind die dir geweihten Tempel, die noch stehen, der Beweis deiner Ohnmacht. Leere Hülsen aus Marmor. Durch die der Wind weht. Nur in Geschichten konntest du überleben, doch welcher Gott wird erscheinen, wenn die Barbaren kommen?

Eine rhetorische Frage, denn dass Bilder und Geschichten stärker sind als die Zeit und wohl auch die Barbaren, davon erzählen all seine Fundstücke und Beobachtungen, und es ist ein großes Vergnügen, Cees Nooteboom beim "Gedankenpurzeln" begleiten zu dürfen, seinem höchst kreativen Zustand der Verwirrung, der Fundstücke und Gedanken wie ein Kaleidoskop immer wieder neu zusammenfügt.
(Lore Kleinert)

Cees Nooteboom *1933 in Den Haag, niederländischer Schriftsteller

Cees Nooteboom - Briefe an Poseidon
Suhrkamp Verlag 2012, 224 Seiten, 19,95 Euro

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