Neue Bcher

Kristine von Soden
Strandgut

Warum das Meer blau ist, der Bikini nie baden ging und alle Möwen Emma heißen

Was sie wohl sehen, die drei Damen mit den schönen Rücken in den schwarzen Badeanzügen, die von ihrer Dünenspitze aus entschlossen aufs Meer spähen und auf dem Buchdeckel zum Aufblättern einladen.

 

Kristine von Soden, Strandgut, Edition EbersbachVom Sand

Oder träumen sie, vom Meeresleuchten oder vom gänzlich textilfreien Sonnenbaden, oder gar von italienischen Sonnenuntergängen? Der Dichter und Humorist Eugen Roth hatte eine Antwort:
"Der Fremdling kommt. Er ist gespannt.
Was sieht er? Sand und wieder Sand."

Und diesem Stoff, aus dem die Strände sind und der als Einzelkörnchen härter ist als Stahl, widmet Kristine von Soden eines der 24 Kapital ihrer ganz persönlichen Strandgut-Sammlung. Vor Jahren hatte sie begonnen, Strandtagebücher anzulegen, mit Erinnerungen, Gedankenschnipseln, Bildern und Texten - Seestücke allesamt, aus denen die Idee zu diesem Buch entstand.

Vom Glück

Auch das Glück, so Günter Grass im Strandtagebuch, sei eine Fundsache, und mit glücklicher Hand hat die Autorin aus der Fülle ihrer Funde Geschichten zusammengestrickt und -gewirbelt, die den großen Himmel, den weiten Horizont mit den allerkleinsten Teilchen verbinden und dazu die Dichter, Sammler und Flaneure zu Rate ziehen. Alfred Polgar etwa, der 1925 am Lido di Venezia dem Sand nachspürte:
"Der Sand heißt italienisch Sabbia, und so ist er auch. Wenn man ihn, den weichen und festen, durch die Finger rieseln lässt, spürt man mit Behagen das Doppel-B."

Von Farben

Auch Siegfried Lenz gab Standgutsammlern mit auf den Weg, was man mit Sand so alles machen kann:
"Am Ende eines Strandgangs, da mach es wie ich, nimm dir ein Stöckchen und ritz deinen Namen in den Sand, dort, wo er feucht ist und die Welle noch hinlangt; ritz ihn ein und warte und sieh zu, wie er erlischt…"
Und die Sandgebirge, die Dünen – auch sie werden kundig inspiziert, die Weiß- und die Graudünen, und noch mit viel mehr Farben, wie Peter Suhrkamp in den Lister Wanderdünen, den einzigen an der deutschen Küste, entdeckte:
"Die Farben gehen vom blendenden Weiß nach Gelb und Ocker, Braun, und Lila, Licht und Schatten lagen in hart umrissenen Tafeln darauf. Mit dem Wind wandern Himmelsschatten darüber her."

Vom Wind

Dass diese vom Wind geschaffenen Wunderwelten im Süden zu oft unter Betonburgen versunken sind, längst Opfer des Massentourismus, verschweigt Kristina von Soden nicht, ihr Buch beschwört nicht die Idylle, sondern spielt mit den Fundstücken, um vielfältige und aufschlussreiche Bilder zu zeichnen.
Wer weiß schon, dass die Meteorologie 10 Arten von Wolken kennt, und dass sie in Makrelenform heftige Winde ankündigen.
Oder dass der Maler George Grosz am Strand von Ahrenshoop aus Protest gegen die nationalistische Flut eine dadaistische Strandburg mit einer roten Fahne auf der Spitze aufhäufte, die jede Nacht zerstört und jeden Morgen wieder aufgebaut wurde. Der Theaterkritiker Alfred Kerr berauschte sich an der Schönheit der Medusen, und Erich Kästner erinnerte sich an seine Ferien kurz vor Ausbruch des ersten Weltkriegs so:
"Am schönsten war die Welt am Meer in sternklaren Nächten. Über unseren Köpfen funkelten und zwinkerten viel mehr Sterne als daheim, und sie leuchteten königlicher. Der Mondschein lag wie ein Silberteppich auf dem Wasser."

Ein Kunstwerk

Kunstvoll kolorierte Bildtafeln aus dem "Strandwanderer", einem 1905 erschienenen Ratgeber, der, immer wieder neu aufgelegt, Kristina von Sodens Familie begleitete, zieren viele Seiten, ebenso wie Schnappschüsse und Motive alter Postkarten: Die Meeresalgen mit Namen wie gefranster Spinnentang, wolliger Seequirl oder verzweigter Federtang machen das schöne Buch zu einem kleinen Kunstwerk.
(Lore Kleinert)

Kristine von Soden "Strandgut"
Warum das Meer blau ist, der Bikini nie baden ging und alle Möwen Emma heißen
Text-Bildband, Edition ebersbach 2012, 119 Seiten, 25 Euro

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