Cees Nooteboom
Venedig – Der Löwe, die Stadt und das Wasser

Mit Fotografien von Simone Sassen

"Unsichtbarkeit ist die beste Garantie dafür, beobachten zu können. Die Metamorphose zum Bürgersteig, zur Kirchenbank, zum Grabstein oder Kunstwerk ist nicht einfach."

 

Nooteboom, Venedig - Der Löwe, die Stadt und das Wasser. SuhrkampMeister der Metamorphosen

Cees Nooteboom ist ein Meister dieser Metamorphosen, und seine Liebe zu Venedig, einer 'fluiden Stadt' wie seine Heimat Amsterdam, begann 1964. Er schrieb über sie, besuchte sie immer wieder, entdeckte jedes Mal Neues und erlebte sie, älter werdend, immer wieder in anderen Nuancen. Die leuchtenden Fotografien seiner Frau Simone Sassen, die den schönen Band zieren, erinnern an viele Sommer, und der Markusplatz im Schnee setzt einen ganz eigenen Akzent. Zwei seiner sieben Annäherungen sind eigens für diesen Band verfasst worden, doch durch Anordnung und Überarbeitung der Texte erscheinen sie alle wie aufeinander bezogen, neu, verschmolzen zu einer einzigen, zärtlichen Liebeserklärung im Bewusstsein der eigenen Endlichkeit.

Stadt aus Stein und Wasser

Nooteboom weiß, dass er mit dieser Stadt verstrickt geblieben ist und immer wiederkommen muss, denn eine vom Wasser umgebene Stadt ist grenzenlos, ein Labyrinth, das einem nie ganz vertraut werden wird.
"…die Stadt wird zu einem Teil meines Lebens werden, wie ich nie ein Teil ihres Lebens sein werde, wie ein Staubkorn werde ich durch ihre Geschichte flirren, sie wird mich fressen, wie sie alle ihre Geliebten und Bewunderer stets verschlungen hat, die im Laufe der Jahrhunderte zu ihren Füßen gelegen haben…"
Die Worte, die er über sie schreibt, betrachtet er mit den Augen des Dichters als das, was die Steine, die Löwen, die Brücken oder Bilder ihm eingaben, dem Besucher, der immer nur Gast der Stadt war, "die nun schon über tausend Jahre lang so tut, als existiere die Zeit nicht." Als er während seines zehnten Besuchs zum ersten Mal mit einer Gondel fuhr, beschreibt er, worauf er zuvor nie geachtet hatte:
"Ein leichtes Wogen hat sich der Stadt bemächtigt, man nimmt die Mauern wahr wie eine lebendige Haut, Verletzungen, Narben, Heilung, Alter, Geschichte, schwarze Algen, grüne Algen, die geheimnisvolle Unterseite von Brücken, Marmor und Mauerwerk, die anderen Boote, das Leben auf dem Wasser in einer Stadt aus Stein und Wasser."

Paläste auf Holzpfählen

Istrischer Sandstein ist es, der dem Meerwasser seit vielen Jahrhunderten trotzt, und wie in Amsterdam tragen Holzpfähle die Häuser und Paläste. Der niederländische Dichter und Reisende sucht in der Fremde nicht Heimat, sondern gibt sich ganz und gar dem Staunen hin, im Wissen allerdings, dass seine fluiden Städte, die heute von Touristen überrannt werden, mächtige Zentren des Welthandels und der Macht waren. An die kleinen Beobachtungen knüpft sich immer wieder auch der große Bogen an, hinweg über die Geschichte, in die verflogenen Imperien, die endgültig vergangenen Zeiten. Auch baut er in seine Texte mitunter Miniaturen zu venezianischen Gemälden ein, denn auch die Maler sind Teil des niemals endenden Suchspiels: Aus einem Carpaccio im Museo Correr etwa schaut ihn ein kleines, aufrecht sitzendes Hündchen frech an:
"…die Leere des Blicks und die arrogante Abweisung des kleinen Hündchens haben den Geruch meiner eigenen Zeit. Dieses Hündchen weiß zuviel, und wir kennen einander."
Oder er hört das leise Rascheln unter der Plane eines Fischerboots und entdeckt aberhunderte kleiner Krabben,
"schlickfarben, mit ineinander verhakten Beinen unter- und übereinander einen Ausweg suchend, venezianische Melodie für tausend Krabben, ein Gesang aus dem Styx."

Seltsames Entzücken

Ein reiches Buch hat uns der alte Dichter mit dieser Huldigung geschenkt, für die, die der Stadt längst verfallen sind ebenso wie für alle, die bereit sind, sich verführen zu lassen, noch immer und trotz allen Ausverkaufs. Auf die Frage, woher das seltsame Entzücken rührt, das er mit vielen Menschen teilt, ist Nootebooms Antwort:
"Alles in Venedig ist von Menschen erbaut, und dennoch ist es, als sei die Stadt entstanden, als habe sie sich selbst errichtet, habe vielleicht sogar die Menschen erdacht, die sie gebaut haben."
(Lore Kleinert)

Cees Nooteboom, *1933 in Den Haag, niederländischer Dichter und Autor von Romanen und Reiseberichten

Cees Nooteboom "Venedig – Der Löwe, die Stadt und das Wasser"
Mit Fotografien von Simone Sassen
Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen
Suhrkamp 2019, 240 Seiten 24 Euro
eBook 20,99 Euro

Weitere Buchtipps zu Cees Nooteboom
"Mönchsauge - Gedichte"
"Briefe an Poseidon"