Meike Winnemuth
Bin im Garten - Ein Jahr wachsen und wachsen lassen

Noch ein Gartenbuch? Ja, aber ein ganz Besonderes! Gärtnern sei "Schach mit Pflanzen", schreibt Meike Winnemuth, und man kann ihr Buch als Einladung zu einem Spiel lesen, dessen Regeln nur in sehr groben Zügen bekannt sind.

 

Meike Winnemuth, Bin im Garten - Ein Jahr wachsen und wachsen lassen. Penguin VerlagHier will ich bleiben

Alle trickreichen Einzelheiten, alle Wendungen müssen erlernt werden, indem man 1. sehr genau und mit unendlicher Geduld beobachtet, 2. nicht gegen- sondern miteinander spielt und 3. auf Zuversicht aufbaut.
"Mein Garten ist in diesem Jahr zu einem Ankerplatz geworden. Ein Ort der Hoffnung, ganz und gar verbindlich. Dieses Gefühl, hier willst du bleiben, denn hier wird noch viel passieren mir dir, das wuchs mit jedem Tag, den ich in der Erde gewühlt habe.
Und gewühlt hat sie unermüdlich, die Weltreisende, die sich nach ihrem Millionengewinn von Sehnsucht weit forttragen und von fremden Ländern bewegen ließ. Jetzt erschafft und erobert sie ihre neue Welt im kleinen Haus nah am Meer und mit ihrem Garten.

Eine wüste Schlammschlacht

Die zwölf Monatsabschnitte sind wie im Tagebuch aufgebaut und mit farbigen Zeichnungen und vielen Fotos illustriert, Skizzen und Blumen, der Foxterrier Fiete, die Werkzeuge, die Fortschritte, auch die Ausflüge aus dem Garten heraus, nach London oder St. Petersburg. Am 30. März zum Beispiel müssen die abgeschälten Grassoden in die Hochbeete verfrachtet werden:
"Es ist eine wüste Schlammschlacht, der Boden ist wie eingeseift, ich fluche und schwitze, ein paarmal rutsche ich aus und falle hin. Am Ende sehe ich aus wie nach drei Runden Schlammcatchen gegen einen deutlich überlegenen Gegner. Wer hatte nochmal diese saublöde Idee, Hochbeete zu bauen? Oder überhaupt einen Garten haben zu wollen?"
Winnemuths von norddeutscher Selbstironie getränkter Blick ist wohltuend und oft hochkomisch. Nach jedem Monat wird Bilanz gezogen: im März etwa begannen 11 Tage mit unflätigen Flüchen und dennoch wurden zehn Tomatensorten ausgesät, und im April wurden 80 oder 90 oder 100 Schubkarren Erde geschaufelt, "Gefühlt 1000…Umfangzunahme Oberarm: 1 Zentimeter." Sie reflektiert ihre Lernprozesse und ihre Niederlagen, die Tröstungen durch unzählige Gartenvideos und Gartengurus wie den Briten Monty Don auf BBC2.

Aus eigener Kraft

Wir lernen den 'Marschrüffel' kennen, einen eleganten Spaten, und die 'Wiedehopfhaue', die wie die "Waffe eines Nebendarstellers aus 'Game of Thrones'" aussieht, aber zum Hacken immer wieder ziemlich nützlich ist. Und gehackt wird oft:
"Ich hacke. Zwei Worte. Neun Buchstaben, ausgesprochen in einem Atemzug – was das aber tatsächlich bedeutet, die Dauer, die Mühe, der Schweiß, die Ermüdung, die Atemlosigkeit, das Schnaufen, das Verschnaufen, das Weitermachen…das ist nicht in Worte zu fassen."
Und ebenso die Befriedigung, etwas aus eigener Kraft geschafft zu haben, das Staunen über die Ergebnisse beschreibt sie mit Respekt vor der Besonderheit jedes einzelnen Tages.
Frei nach Montaigne hält sie sich an ihren Beschluss, den Garten als Versuch mit der "ausdrücklichen Erlaubnis, alles falsch zu machen" zu betrachten, denn das Spiel, der Versuch sind das Wesentliche. Im Herbst wird Saatgut gesammelt und Vorräte haltbar gemacht, eingeweckt und winterfest gemacht – und beglückt stellt die Autorin fest, dass sie in diesem Jahr mit ihrem Garten nicht ein einziges Mal krank war und zu einem aufmerksameren Menschen geworden ist.

Von innen nach außen

"Der Garten wird mit mir wachsen und ich mit ihm. Er stülpt mein Inneres nach außen. Was ich schön finde und was nicht, wo ich es ordentlich haben mag und wo wild, all das bildet sich in ihm ab."
Die Gier nach schnellen Erfolgen gewöhnte sie sich rasch ab und lernt Selbstvergessenheit ebenso wie Selbstfürsorge schätzen, wie bei einer Meditation. Die unangestrengte Art, wie Meike Winnemuth die Leser an diesem Spiel, dieser Abenteuerreise in etwas Neues teilhaben lässt, ist auch für Menschen ganz ohne Garten wunderbar zu lesen – denn lesen führt ja immer in eine andere Wirklichkeit. Warum also nicht ein weiteres Buch über die Erschaffung eines Gartens? Es lohnt sich!
(Lore Kleinert)

Meike Winnemuth, *1960 in Schleswig-Holstein, freie Journalistin, nach ihrem Gewinn bei „Wer wird Millionär“ unternahm sie eine einjährige Weltreise, lebt in Hamburg und an der Ostsee

Meike Winnemuth "Bin im Garten"
Ein Jahr wachsen und wachsen lassen
Penguin Verlag 2019, 320 Seiten mit Illustrationen und Fotos, 22 Euro
eBook 17,99 Euro, AudioCD 11,69 Euro