Karl-Markus Gauß
Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer

"Über die Gabe, mich so weit zu überschreiten, dass ich mit Menschen fühle, mit denen ich nichts gemein habe, verfüge ich einzig in der Literatur, wo mir Figuren aus Papier zum Leben erwachen.“

 

Karl-Markus Gauß, Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer. Paul Zsolnay VerlagIm Reich der Dinge

Karl-Markus Gauß lässt sich von Gedichten, Essays, Romanen begeistern, aufwühlen, irritieren, ermutigen und geht den Spuren nach, die die Legenden und Bilder, die Verklärungen und Verluste in ihm selbst hinterlassen haben. In seiner Wohnung in Salzburg im alten, stuckverzierten Haus, zwei Etagen wie "ein umgekipptes Schiff", begibt sich der Weitgereiste diesmal auf die Expedition ins Reich der Dinge - und bringt sie zum Sprechen.

Reisen in die Vergangenheit

Zu den Büchern gelangt man erst gegen Ende dieses reichhaltigen Buchs, obwohl sie unterwegs stets präsent sind, denn Gauß ist ein Meister des Abschweifens: vom großen, europäischen Gedicht von Konstantinos Kafavis, "Warten auf die Barbaren", das von Furcht und Sehnsucht vor dem Zusammenbruch der alten Ordnung erzählt, gelangen wir zu einer Typologie des Wartens, erzwungen, ungeduldig, christlich oder panisch und einiges mehr, um schließlich in den Warteschleifen der Dienstleistungsgesellschaft bei der Macht unveränderlicher Dinge zu landen. Ein alter Überseekoffer erinnert an Reisen früherer Zeiten und längst verstorbener Menschen in Regionen, deren politische Machtverhältnisse sich wiederholt änderten.

Platz für die Toten

Südtirol zum Beispiel. Von hier stammten seine Schwiegereltern, und in seiner Faszination für das, was verschwunden ist, "seien es Sprachen, Nationalitäten, Haltungen, Formen – oder eben verstummte Künstler", verbindet er Besonderheiten der Familie immer wieder mit Reflexionen über die Geschichte und ihre Folgen und mit originellen Fundstücken, die aus der Wohnung hinausführen, zu Menschen. "In der Wohnung ist Platz für viele Tote, wir leben mit ihnen."
Sein kleiner Globus auf dem Schreibtisch führt über alte Schulkarten zur schönsten, kunstvoll bemalten Lindenholzweltkugel in der Salzburger Universität, seit 1770 in der Stadt, und neben ihr zum Modell einer 'Ulmer Schachtel': mit diesen Holzbooten machten sich Verarmte und Verfolgte im 18. Jahrhundert auf die Reise donauabwärts ins durch Jahrhunderte lange Kriege fast entvölkerte Gebiet zwischen den Fronten, und siedelten sich dort an. 22 Meter lang waren diese flachen Boote, viele kenterten, und zweihundert Jahre später beendeten neue Kriege diese Suche der ausgewanderten Vorfahren nach Wohlstand. Noch später flohen Hunderttausende von orientalischen Christen aus den Ländern, in denen sie zwei Jahrtausende gelebt hatten.

Einladung zur Rückschau

Flucht, Vertreibung, Krieg ziehen sich wie ein Generalbass durch die Geschichten der Verwandten und Vorfahren, an die die Dinge in der Wohnung erinnern: Onkel Hugos Aschenbecher aus Murano, das Rezeptbuch der Großmutter, die 1944 wie die ganze donauschwäbische Volksgruppe aus dem ungarischen Grenzgebiet der Batschka vertrieben wurde, und das Verzeichnis serbischer, ungarischer, rumänischer, slowakischer, böhmischer, Wiener und sogar türkischer Speisen zeugt von exemplarischer kultureller Vielfalt einer Region.
Das Haus selbst, mit all den aufgehobenen Dingen, all den Büchern lädt Karl-Markus Gauß zur Rückschau ein:
"Während es heller wurde, schaute ich in eine Zeit hinaus, als ich noch lange nicht geboren war. Aber das Haus stand bereits da, und es hat diese Fenster bereits gegeben, und den Blick, der bis zum Felsen des Mönchsbergs reicht."
Er fällt auf die alte Villa Ornstein, wo 1889 ein Modehaus gegründet wurde. Nur sehr wenigen aus der Familie seiner jüdischen Besitzer gelang die Flucht vor der Vernichtung. Beim Blick aus seinen Fensterscheiben, deren Glas in hundertzwanzig Jahren nicht zu Bruch ging, erfasst den Autor leichter Schwindel:
"Unsere Fensterscheiben haben zwei Weltkriege überstanden, die fast alles veränderten und Millionen Menschen das Leben kosteten. Die Kriege haben auch jede einzelne Biografie derer, die sie überlebten, so heftig beeinflusst, dass es noch ihre Nachkommen betraf und betrifft, und das nicht nur sozial oder politisch, sondern sogar biologisch."

Reich an Wissen

Reich an Abenteuern ist die Reise durch die Zimmer seiner Wohnung, reich auch an Wissen um die Geschichte, in der die zahllosen kleinen Geschichten und Erinnerungen zusammenfließen. Von Xavier de Maistre, der 1795 infolge eines Duells zu Hausarrest verurteilt wurde, "die Bestrafung als Geschenk" annahm und das Buch "Die Reise um mein Zimmer" schrieb, lieh Gauß sich das Motto: "Man möge mir nicht vorwerfen, ich verlöre mich in Einzelheiten; Reisende machen das so." Und so wird die Wohnung zur "narrativen Vorratskammer", wie der Autor erklärt, aus der er ausschweift und in die er zurückkehrt und schreibend die Welt zum Thema macht, schön formuliert und mit diskreter Neugierde.
(Lore Kleinert)

Karl-Markus Gauß, *1954 in Salzburg, vielfach ausgezeichneter Autor und Herausgeber der Zeitschrift "Literatur und Kritik", lebt in Salzburg

Karl-Markus Gauß "Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer" Paul Zsolnay Verlag 2019, 224 Seiten, 22 Euro
eBook 16,99 Euro

Weiterer Buchtipp zu Karl-Markus Gauß
"Das Erste, was ich sah"