Neue Bcher

Annette Pehnt
Lexikon der Angst

Man kann es Angst nennen, Unbehagen oder Furcht, auch Macke, Tick und Zwangsvorstellung - stets sind es ungut, den Alltag bestimmende Gefühle, denen sich die Personen nicht enziehen und die sie manchmal zu außergewöhnlichen Handlungen zwingen können: ritualisiert, einmalig oder spontan.

 

Annette Pehnt, Lexikon der Angst, Piper VerlagRisse im Leben

Im Lexikon der Angst fasst Annette Pehnt diese - wie sie sagt -  "Risse in einem glatten Leben" zusammen, macht Ängste greifbar, die so oder so ähnlich in jedem von uns schlummern.

Die Furcht, Milch könne einen wie ein Tsunami verschlingen; der Zwang, alles aufzuheben, weil man es sicher mal gebrauchen könnte, um dann in Kisten und Schachteln zu ertrinken; die tiefe Furcht eines Mannes, angesichts der Unfallstatistik lieber mit dem Zug zu fahren statt in ein Auto zu steigen; oder das kleine Mädchen, temperamentvoll und fröhlich, lebenslustig und tapfer, das vor nichts Angst hat – "außer davor, nicht mehr fünf zu sein" .

Schattenfrei im Morgenlicht

Eine andere Person hat die seltsame Angewohnheit, jedem Schatten aus dem Weg zu gehen:
"Er weiß ihnen auszuweichen, nach jahrelanger Übung kein Hexenwerk. Er schlägt einen Bogen um Laternenschatten, Passanten und Fahrzeuge; Schatten von Pfählen, Pfosten, Ampeln und Strommasten sind leicht zu umgehen."
Aber es gibt eben auch Häuser und Straßenschluchten und Frauen, die Schatten werfen. Nur Rosa nicht, mit ihr wacht er schattenfrei auf. Und angstfrei.

Vertrauter Schmerz

Annette Pehnt versammelt seltsame, das Alltagsleben beherrschende Gefühle, skurril, bizarr und durchaus nachvollziehbar - wenn die Frau aus dem Haus geht und in der Furcht, die Herdplatte nicht ausgeschaltet zu haben, mehrfach zurück geht. Pehnts genauer Blick gilt Körper und Seele, denn beide reagieren auf Ängste. Wie der Mann vor dem Computer, der sich nicht mehr aus dem Haus bewegt und mit Hilfe von Google Earth rund um die Welt reist, um anschließend selig einzuschlafen. Oder die Mutter, deren ewige Angst um den Sohn schließlich zu einem leisen Rauschen wird, "ein sachtes Ziehen, ein vertrauter Schmerz, der nicht mehr wehtut."

Alltagsgeschichten

In diesen wunderbar präzisen kleinen Geschichten – sie sind höchstens zwei, drei Seiten lang - beobachtet die Autorin versteckte Außenseiter im sozialen Gefüge sogenannter Normalität, erzählt die geheimen Bedrohungen traurig, lakonisch und mitfühlend. Das macht sogar kuriose Ängste greifbarer: Wie die Eifersucht auf eine Kaffeemaschine und der "heftige Neid auf die Kaffeeliebhaber .., die Verliebten, die mit den Maschinen turteln und jede Tasse Cappuccino feiern wie den ersten Kuss."
(Christiane Schwalbe)

Annette Pehnt "Lexikon der Angst"
Erzählungen
Piper Verlag 2013, 176 Seiten, 17,99 Euro
eBook 13,99 Euro

Zusätzliche Informationen