Neue Bcher

Matthias Brandt
Raumpatrouille
Geschichten

"Alles, was ich erzähle, ist erfunden. Einiges davon habe ich erlebt. Manches von dem, was ich erlebt habe, hat stattgefunden" – ein Vorwort, das den Leser einstimmt: Dies ist keine Autobiografie, sondern ein Buch mit Geschichten aus der Kindheit.

 

Matthias Brandt, Raumpatrouille, Kipenheuer & WitschAlles ist anders

Einer Kindheit, in der "Alles anders" war – so der Titel der ersten Geschichte. Vielleicht nicht alles, aber doch vieles, denn Sohn von Bundeskanzler Willy Brandt zu sein, bringt notwendigerweise Einschränkungen mit sich, Grenzen der Bewegungsfreiheit, wenn es die Sicherheit der Familie erfordert.

Allein mit Gabor

Er ist viel allein, dieser aufgeweckte Matthias Brandt, aber das ist er nicht unbedingt ungern. Außerdem hat er Gabor, einen treuen Hund, der immer an seiner Seite ist - auch auf dem Buchcover, neben Matthias in einer echten Astronautenuniform. Die hat er sich statt der Schulbücher gekauft, ist er doch nachhaltig fasziniert von der Kultserie "Raumpatrouille" im Fernsehen und viel mehr noch von der ersten Mondlandung 1969. Es sind die 1970er Jahre, in die wir mit Matthias Brandt eintauchen, der seine Kindheit in einer kleinen Stadt am Rhein in einer großen weißen Villa verbrachte.

Stets bewacht

Die Geschichten spielen sich in einer eigenen kleinen Welt ab, manchmal ist die Mutter dabei, auch mal ein Freund, selten der Vater, immer sind die Wachleute in der Nähe:

"Seit einiger Zeit hatte ich anzumelden, wenn ich am Nachmittag das Grundstück verlassen wollte, um beispielsweise einen Freund zu besuchen, ich wurde dann geschützt dorthin gebracht. Es gab Möglichkeiten und Wege, dies zu umgehen, aber die führten nicht durch den Vorderausgang …. Ich mochte diese Männer und ihre Welt gern, vor allem aber machte es Spaß, ihnen zu entwischen".

Freund Heinrich

Aber wenn er zusammen mit anderen Schülern dem Staatsoberhaupt ein Ständchen singen musste, dann
"stellte ich mich in die hinterste Reihe, weil ich befürchtete, die Frau des Präsidenten würde mich erkennen und womöglich persönlich begrüßen und so aus der Masse herausheben, was ich mehr scheute als irgendetwas sonst."
Da ist er dann doch das prominente Politikerkind, das zum Kakao zu den Nachbarn, Heinrich und Wilhelmine Lübke eingeladen wird und sich manchmal auch der Öffentlichkeit stellen muss. Zum Beispiel, als er im Autokorso mit seinen Eltern zur Kirmes fährt, um dann gleich einen ganzen Eimer Lose aufzupulen und mit dem Hauptgewinn, einem stinkenden rosa Teddybären, für die Fotografen zu posieren.

Sturz im Gemüsegarten

Ganz ohne Öffentlichkeit soll eine Fahrradtour stattfinden – mit seinem Vater, einem eher ungeübten Radfahrer, und Herbert Wehner. Das Vergnügen ist kurz, Willy Brandt stürzt im Gemüsegarten, nein
"er kenterte. Es schien, als sei sein Fahrrad leck geschlagen und als führe die dadurch bedingte Schwerpunktveränderung unausweichlich zu einer Havarie."
Urkomisch, wie er den Sturz und seine Folgen beschreibt, aber auch schuldbewusst feststellt: "Ich hätte besser auf ihn aufpassen müssen."

Matthias Brandt hat klug und genau beobachtet, komische und melancholische Geschichten geschrieben, Ausschnitte aus der großen kleinen Welt der Kindheit, in der er oft sich selbst überlassen war. Was zu einem lebensgefährlichen Zimmerbrand führt, als sich beim Spiel mit Streichhölzern (und im Bewusstsein, ein Zauberer zu sein) die Gardinen entzünden.

Besser als Bonanza

Und doch endet gerade diese Geschichte versöhnlich und anrührend, als er den so oft abwesenden Vater eines Tages vorsichtig bittet, ihm vorzulesen:
"Dann legte er auf einmal den linken Arm um mich und begann vorzulesen. Ich konnte kaum glauben, was geschah … Irgendwo in meinem Bauch vibrierte seine Stimme, die noch besser klang, als die von Pa aus Bonanza."
(Christiane Schwalbe)

Nachwort:
Die in diesem Buch enthaltenen Geschichten sind auch Teil eines Projektes mit meinem Bühnenpartner, dem Musiker Jens Thomas. Viele von ihnen korrespondieren mit Songs auf dessen neuem Album "Memory Boy", das zeitgleich bei ROOF Music erscheint. "Raumpatrouille" und "Memory Boy" entstanden parallel und in ständigem Austausch, mal entwickelte sich der Song aus einer Geschichte, dann wieder war es andersherum.

Matthias Brandt *1961 in Berlin als jüngster Sohn von Rut und Willy Brandt, bekannter deutscher Theater- und Film-Schauspieler

Matthias Brandt "Raumpatrouille"
Geschichten
Kiepenheuer & Witsch 2016, 176 Seiten, 18 Euro
eBook 16,99 Euro

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