Ahmet Altan
Ich werde die Welt nie wiedersehen. Texte aus dem Gefängnis

"Ich erwachte. Es klingelte an der Tür. Ich sah herüber zu der elektronischen Uhr. Die Anzeige 05.42 blinkte und verlosch. `'Die Polizei‘ dachte ich. Wie alle Oppositionellen in meinem Land ging ich jede Nacht zu Bett in der Erwartung, dass im Morgengrauen an meiner Tür geläutet würde. Ich wusste, dass sie kommen würden. Nun waren sie gekommen.“

Ahmet Altan, Ich werde die Welt nie wiedersehen, S. FischerLebenslänglich

Ahmet Altan wird gemeinsam mit seinem Bruder Mehmet Altan, wie schon sein Vater 45 Jahre zuvor, im September 2016 verhaftet. Die Texte sind ein Kassiber über die Verhaftung, die Zeit im Polizeigewahrsam und schließlich die Verurteilung zu lebenslänglicher Haft unter verschärften Bedingungen – die Einzelhaft.
"In wenigen Stunden hatte ich eine zeitliche Entfernung von fünfhundert Jahren zurückgelegt und war in den Verliesen der mittelalterlichen Inquisition angekommen."

Untersuchung in Handschellen

Altan schildert präzise und manchmal geradezu lakonisch, was geschieht, aber auch was dieses Geschehen mit ihm und den anderen inhaftierten Menschen macht. Er beschreibt die Erniedrigungen, wenn eine Krankenschwester zum Beispiel die Handschellen bei der Untersuchung im Krankenhaus nicht abnehmen lässt oder einer seiner Mitgefangenen ihm einen Gürtel aus den Papierbanderolen von Plastikflaschen basteln muss, weil er aufgrund der schlechten Versorgung mit Lebensmitteln in der Haft stark abgenommen hat.

Ich kann durch Wände gehen

In bedrückender Weise macht er deutlich, wie gerade zu Beginn der Inhaftierung der Wunsch nach Freiheit so übermächtig ist, dass er fürchtet wahnsinnig zu werden. Das Fehlen eines Spiegels lässt ihn darüber nachdenken, wie wichtig es für unsere Selbstvergewisserung als Menschen ist, uns selbst betrachten zu können. Was ihn immer wieder rettet ist die Literatur. Die eigene Fähigkeit sich als Schriftsteller in andere Welten zu versetzen:
"Ihr könnt mich ins Gefängnis stecken, doch ihr könnt mich dort nicht festhalten. Weil ich die Zaubermacht besitze, die allen Schriftstellern eigen ist. Ich kann mühelos durch Wände gehen."
Aber auch die Kraft, die er aus dem Lesen oder Erinnern der Werke anderer Schriftsteller zieht.

Starke Stimme gegen Willkür

Eingekerkert bis zum Lebensende erhebt Altan seine Stimme gegen die Willkür - ein berührendes Zeugnis des Gefängnisalltags und gleichzeitig ein Beweis für die Kraft der Freiheit der Gedanken. Seine Reisen im Geist, sein Nachdenken über Philosophie und Literatur stellen die Frage, was uns als Menschen ausmacht. "Bis heute bin ich noch nie im Gefängnis erwacht – nicht ein einziges Mal." Der Leser erfährt nicht, wie diese Texte entstanden sind, und auch nicht, wie sie das Gefängnis verlassen konnten. Der Verlag lässt allein Ahmet Altan zu Wort kommen, eine starke Stimme, die eigentlich keine Erklärung braucht. Aber für Leser, die die Situation in der Türkei nicht intensiv verfolgen, wäre ein kurzes Nachwort über die verschiedenen Stationen der Haft und die Rolle Altans und seiner Familie im Geistesleben der Türkei sicherlich hilfreich gewesen.
Mit diesem Buch spricht er für alle, auch für die, die keine eigene Stimme haben. Ein intensives Leseerlebnis, das von tiefer Menschlichkeit zeugt.
(Iris Knappe)

Ahmet Altan, *1950, mit seinen Romanen und Essaybänden einer der erfolgreichsten Schriftsteller und bekanntesten Journalisten der Türkei wurde aufgrund seiner kritischen Berichterstattungen als Kolumnist nach dem Putschversuch vom Juli 2016 festgenommen und zu lebenslanger Einzelhaft verurteilt.

Ahmet Altan "Ich werde die Welt nie wiedershhen" Texte aus dem Gefängnis
Aus dem Türkischen von Ute Birgi-Knellessen
S. Fischer Verlag 2018, 176 Seiten, 12 Euro
eBook 9,99 Euro