Claudia Koppert
Im Vogelgarten

"Ich werde gelebt haben, wir werden gelebt haben, du auch", sagte ich zur Hündin. Die alte Hündin begleitet die Ich-Erzählerin durch das Jahr und durch ihren großen Garten, einen "Garten aus einer längst vergangenen Zeit, einen Garten außer der Zeit".

 

Claudia Koppert, Im Vogelgarten. Verlag Atelier im BauernhausFeine Bodenmoose

Pflanzen werden nicht in Ordnungssysteme gezwungen, und über die Jahre sind über zweitausend verschiedene Vögel, Meisen, Kleiber, Trauerschnäpper, Rotschwänze und viele andere hier flügge geworden. An die fünfzig Nistkästen stehen ihnen zur Verfügung, und Claudia Koppert nähert sich ihrem Leben an, mit Neugier, Respekt und unstillbarer Wissbegierde für all ihre Besonderheiten, auch die der Pflanzen und der Geschichte dieser flachen Landschaft in Niedersachsen. Moose zum Beispiel: Wer weiß schon, dass hier 758 Moosarten beheimatet sind, von denen 431 schon auf der Roten Liste stehen, und dass sie beste Bioindikatoren sind, deren antibakterielle Wirkung bereits Carl von Linné beobachtete. Die Erzählerin weiß, dass Blaumeisen und Zaunkönige Moos verbauen, und sie lässt das Moos in den Nestern in neuem Licht erscheinen:
"Die Blaumeise sammle ausschließlich feine Bodenmoose wie Dreiblättriges Kreuzmoos, Riemenstängelmoos, Mäuseschwanzmoos, Samtkugelmoos – was für tolle Namen."

Leben mit der Natur

Ihre Begeisterung entsteht immer aus der genauen Beobachtung und dem Leben mit der Natur. Sie ist deshalb weit entfernt von der um sich greifenden Birding - Mode, die mitunter in Kitsch und Verklärung ausartet. Als ein amerikanischer Besuch kritisiert, "der Garten hier, die Menschen unterwegs, alles wirke auf ihn wie eine abgeschottete Idylle, weiß, europäisch, bereinigt", kann sie die Erfahrung dagegensetzen, dass im Garten das große Fressen und Gefressen-Werden herrsche, und das nicht nur, wenn der putzige Waschbär mit den intelligenten Fingerchen einbricht. Die sechzehn Kapitel des Buches illustrieren anschaulich, dass der Garten alles andere als Idylle ist, und Koppert weiß, dass schwärmerische Überhöhung der Natur die tatsächliche Zerstörung kaum zu verhindern vermag.

Wiederkehrende Zeit

Beiläufig und elegant mit ihren alltäglichen Beobachtungen verbunden, erfährt man auch dazu einiges: Seit den neunziger Jahren hat die Biomasse an Insekten um geschätzte 80 Prozent abgenommen, die meisten der 36 heimischen Hummelarten zum Beispiel sind stark gefährdet oder bereits ausgestorben. Dass eine Kontrollstelle der EU verlange, alle Schwalbennester in den Ställen aus Gründen der Hygiene zu entfernen, erweist sich zum Glück als bösartiges Gerücht – aber ebenso wie die Dorfbewohner wäre man geneigt, es zu glauben. Dennoch: Viele im Dorf pflanzen gegen den Rückgang der Insekten an, und schon kleine, artenreiche Flächen können dazu beitragen, dass sich Populationen erholen. Auch hier bleiben Kopperts Überlegungen eng damit verbunden, was die Erzählerin im Laufe eines Jahres geduldig und hartnäckig beobachtet, hegt und pflegt – und liebt, denn in dieser flachen, durchdefinierten Gegend unter dem großen norddeutschen Himmel hat die gebürtige Heidelbergerin ihren Platz gefunden.
"Die Zeit beim Vergehen beobachten. Wo der Moment alle Zeit wird, heilige Sekunden lang. Plötzlich wird so etwas wie Zeitlosigkeit vorstellbar, Überzeit, wiederkehrende, sich umkehrende Zeit: Alles in diesem Augenblick – hier."

Kostbarer Vogelgarten

Mitunter lässt sich die Erzählerin in ihrem großen, inneren Monolog von der Begeisterung und Ausgelassenheit ihres Hundes anstecken; sie vollzieht nach, dass Kierkegaards Satz, wer die Wiederholung gewählt hat, lebe, in ihrem Garten einen so besonderen Reiz entfaltet. Den Vögeln – Wild- und Zugvögeln genauso wie dem heimischen Geflügel – gilt ihre große, kundige Zuneigung, und der schöne kleine Band ist mit wunderbaren Illustrationen zum Jahreszyklus der Vögel geschmückt: Vor jedem Kapitel ein farbiges, collagiertes Blatt von Viola Konrad und Tilman Koppert, die bereits mehrfach ausgezeichnet wurden.
Die Autorin und Lektorin Claudia Koppert, die 2003 mit ihrem außergewöhnlichen Romandebüt "Allmendpfad" (Verlag Antje Kunstmann, liegt jetzt auch als Paperback vor) viel Erfolg hatte, bleibt der Zuwendung für das Landleben unter bedrohten Bedingungen treu. Mit ihrem "Vogelgarten" ist ihr etwas Kostbares gelungen, nämlich das Gespür dafür zu schärfen, welche Freude eine der Natur angemessene Lebensweise sein könnte:
"Wir könnten – nur ein klein wenig utopisch gedacht – die werden, die wir sind: irre talentierte irdische Geschöpfe, sogar fähig, sich zu beschränken, wenn es denn unbedingt sein muss.
(Lore Kleinert)

Claudia Koppert, *1958 in Heidelberg, Verlags- und Sachbuchlektorin, Autorin, lebt in Niedersachsen

Claudia Koppert "Im Vogelgarten"
Erzählungen, Verlag Atelier im Bauernhaus Fischerhude 2019, 164 Seiten 16,80 Euro