Carl Nixon
Fish 'n' Chip Shop Song

"Zwei Fisch und 'ne Kelle voll. Danke, Liebes. Genau, zwei Fisch und 'ne Kelle voll. Alles klar? So ist es richtig. Viel los? Ach ja? Und pack noch 'nen Hot Dog dazu, sei so gut. Und du da, hey du, Mädchen! Lächle, sonst passiert es vielleicht nie."

 

Carl Nixon, Fish 'n' Chip Shop Song. Storys. CulturbooksZwischen den Wörtern

Frischer Fisch in einem Laden mit Resopaltheke, Plastikstühlen, Fritteusen, er kann in den Dörfern liegen oder in der Stadt, in jedem Fall an einer viel befahrenen Straße, und in vier Strophen entsteht in der den Titel gebenden Geschichte des Bandes das Lied von der achtzehnjährigen Tochter des chinesisch sprechenden Inhabers, die die Pommes ins Papier schaufelt, dem Soundtrack der Gesprächsfetzen lauscht und sich nach einem jungen Mann sehnt, der – vielleicht –
"etwas anderes hört als alle anderen, etwas zwischen den Wörtern, was sonst niemand mitbekommt."

Väter und Söhne

Differenzierte Bilder entstehen beim Lesen dieser und der vierzehn anderen Geschichten; sie sind weit mehr als Momentaufnahmen, und sie lösen den Wunsch aus, mehr zu erfahren, nachzuempfinden, was diese meist schweigsamen Menschen bewegt und wohin es sie treiben könnte. Einwanderer und Kinder von Einwanderern sind sie fast alle, die Neuseeländer, die uns in Carl Nixons‘ Short Stories begegnen, oftmals Väter und Söhne, aber auch die Frauen zeichnet der Autor mit großer Sorgfalt. Ein Mann, dessen Vater die Familie verließ, als er noch ein Kind war, imaginiert die Begegnung mit diesem Mann, dessen Namen die Mutter ihm verschwieg, und je präziser er sich die Suche nach dem Verlorenen vorstellt, desto quälender erlebt er die Vergeblichkeit seiner Sehnsucht.
In der Geschichte "Gewicht" treffen sich Vater und Sohn zum Gewichtheben, und der Achtzehnjährige findet,
"er sei alt genug, um mit seinem Vater nicht einer Meinung zu sein, ohne wegen seiner Widerworte ermahnt zu werden."
Um welche Meinung es ging, wird nicht erzählt, nur die wechselseitige Anstrengung des Gewichtestemmens wird genau und behutsam geschildert, bis schließlich der Sohn erstmals mehr schafft als der Vater. So sehr sie die Anstrengung verbindet, so sehr herrscht doch Wortlosigkeit zwischen ihnen:
"von beiden sagte etwas, und der Vater drehte sich nicht um…Tief in sich konnte er noch immer den Schmerz spüren, klein und scharf wie ein Splitter aus kaltem Metall."

Männer um die Zwanzig

Ein anderer Sohn erlebt auf der Beerdigung seines Vaters, dass ein alter Mann im zerknitterten Anzug das Wort ergreift und sich bedächtig erinnert, wie er und der Verstorbene als junge Männer um die Zwanzig versuchten, zwei in den Dünen verschüttete Kinder zu retten, unter Lebensgefahr, und eines der Kinder war bereits tot. Während der Sohn den Sarg seines Vaters zum Leichenwagen tragen hilft, hat er seinen Vater als jungen Mann mit wehenden blonden Haaren vor Augen:
"Er hält einen toten Jungen in seinen Armen. Er wiegt ihn behutsam hin und her wie ein Baby, als wäre der Junge federleicht. Der junge Mann schaut mich lange an und lächelt schließlich, glücklich darüber, jung und am Leben zu sein."
Carl Nixons Erzählungen sind bereits 2006 in Neuseeland erschienen und standen dort, vielfach ausgezeichnet, an der Spitze der Bestsellerliste. Sie verleihen der Sehnsucht von Menschen, die kaum eine Sprache haben, um ihre Wünsche zu benennen, eine lakonische Würde, und ebenso der Verzweiflung, die in vielen der Geschichten mitschwingt.

Hinter den Fassaden

Wenn ein Vater, dessen Sohn ihn bestiehlt und drogensüchtig dahinvegetiert, dessen schwangerer Freundin eine Chance gibt, bricht durch das Elend, das Nixon intensiv und mit melancholischer Distanz aufscheinen lässt, ein humorvoller Hoffnungsschimmer durch, und die entstehenden Bilder färben sich auch in etlichen anderen Geschichten unerwartet neu und heller ein. Wer typisch neuseeländische Klischees - Schafe, wilde, malerische Landschaften, Maori-Romantik - sucht, wäre enttäuscht, doch der Blick hinter die Fassaden eines weit entfernten Einwandererlandes lohnt sich unbedingt und rückt die Menschen dort sehr nah heran. (Lore Kleinert)

Carl Nixon, * in Neuseeland, Autor von Romanen, Kurzgeschichten und Dramen,gewann mit seinen Werken zahlreiche Preise, darunter den Katherine Mansfield Short Story Contest für "Fish ’n’ Chip Shop Song"

Carl Nixon "Fish ‚n‘ Chip Shop Song"
Storys aus dem Englischen von Kim Lüftner, Martina Schmidt und Sophie Sumbarane, Culturbooks 2019, 232 Seirten 20 Euro
eBook 12,99 Euro