Neue Bcher

Antje Rávic Strubel
"Gebrauchsanweisung für Potsdam und Brandenburg"

Es soll Menschen geben, die leben gern in Berlin, weil es drumherum Brandenburg gibt, ein ideales Ausflugsgebiet direkt vor der Haustür, voller landschaftlicher Schönheiten im Spreewald, in der Schorfheide, im Fläming und in der Lausitz, mit Schlössern und Herrenhäusern, die Geschichte und Geschichten erzählen (können). Aber der Brandenburger trägt sein Herz nicht auf der Zunge:

"Sich kurz zu fassen, ist eines der wesentlichen Prinzipien eines brandenburgischen Gesprächs. Die Themenvielfalt ist so groß wie überall; worauf es ankommt, ist, sie mit dem kleinstmöglichen Wortaufwand zu bewältigen. Schließlich hat der Mensch ja noch andere Sachen zu tun."

 

Antje Rávic Strubel Gebrauchsanweisung für Potsdam und BrandenburgGärtner und Schweiger

Brandenburg ist für Antje Rávic Strubel, die hier geboren wurde und nach Jahren in Berlin und New York nun wieder in Potsdam lebt, ein Ort der Heimkehr. Anders als für Reisende, denn:
"Wer das erste Mal nach Brandenburg kommt, hat entweder berufliche Gründe, fährt gern Fahrrad oder ist auf der Fahrt an die Ostsee aus Versehen falsch abgebogen."
Klingt nicht gerade schmeichelhaft, entspricht aber wohl der eher schroffen und wortkargen Lebensart im Land der "Gärtner und Schweiger",
das sich zwischen Elbe und Oder, vom Stechlin bis zur Senftenberger Seenplatte erstreckt, das mehr Sand als Menschen hat und mehr Seen als Städte, in dem man ... Weißwein aus dem Tagebau trinkt, im Scherri badet und saure Gurken aus der Dose isst …"

Vorstadt Berlins

Ein Land, das mit Potsdam sogar eine eigene Hauptstadt hat, was ausländischen Gesprächspartnern schon schwer verständlich zu machen ist. Noch weniger verstehen sie den Begriff 'Speckgürtel'. Der wurde mal erfunden, um rausziehende Berliner und Fördermittel anzulocken. Weshalb sich echte Brandenburger das Wohnen in Berlinnähe kaum noch leisten können. Also bleibt es wohl Potsdams Schicksal, als "die schönste Vorstadt Berlins" zu gelten, früher "Spazierstadt und Sonntagsstadt" und eine "Stadt auf Postkarten".

Keine Fusion

Immerhin: Einer generellen Vereinnahmung haben sich die Brandenburger entzogen:
"Ich bin kein Berliner! Das haben 1996 bei der Volksabstimmung über die Fusion der Länder Berlin und Brandenburg dreiundsechzig Prozent der Abstimmenden auch gesagt."
Vor allem gesunde Skepsis, konstatiert Antje Rávic Strubel, hat zu diesem Ergebnis geführt. Sonst hätte die Pleitestadt Berlin wohl auch noch das bisschen Geld brandenburgischer Steuerzahler verbraten. Und so durften die Brandenburger ihre vielen Markenzeichen für sich behalten: Lustschlösser, Fürst Pückler, die Sorben, den Sanddorn, Plattenbauten und Tagebau, leeres Land und Beelitzer Spargel, Eberswalder Würstchen, Gurkenflieger, Pellkartoffeln mit Quark und Leinöl, Häckerle, Naturparks und "ein Überangebot an Ländlichkeit und Naturidylle".

Spurensuche

Diese Gebrauchsanweisung ist nicht wirklich ein Reiseführer, eher ein humorvoll-ironischer und kenntnisreicher Begleiter auf dem Weg, sich Brandenburg zu erorbern und die Brandenburger zu verstehen, auch ganz verbal, weshalb es im Anhang ein Glossar brandenburgisch-deutsch gibt. Dem Verständnis dienen aber auch Kunst und Literatur, denn neben Fontane haben hier Kleist, Brecht und Tucholsky ihre Spuren hinterlassen.
Kurzum: Nicht nur Berlin ist eine Reise wert, auch Brandenburg. Mehr noch: es lohnt sich angesichts der überbordenden Fülle von Informationen, Begegnungen, Anekdoten und Kuriosiäten, die Antje Rávic Strubel zusammengetragen hat, gleich mehrmals die nahe Großstadt zu verlassen und sich auf märkische Spurensuche zu begeben.
(Christiane Schwalbe)

Antje Rávic Strubel *1974 in Potsdam, lebt und arbeitet dort als Schriftstellerin

Antje Rávic Strubel "Gebrauchsanweisung für Potsdam und Brandenburg"
Piper Verlag 2012, 256 Seiten, 14,99 Euro

Zusätzliche Informationen