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Norbert Leithold
Liebesbriefe und Geheimdepeschen

Aus der Korrespondenz des Grafen Johann Eustach von Goertz mit seiner Gemahlin und Friedrich II von Preussen 1771 - 1782

Sein einziger Fehler sei seine satirische Ader, schrieb die Weimarer Herzogin Anna Amalia über den Grafen Johann Eustach von Goertz, kurz bevor sie ihn 1761 als Erzieher ihrer Söhne einstellte. Da war der weltgewandte und geistreiche Graf 24 Jahre alt, geprägt von den Gedanken Rousseaus zu Erziehung und Bildung, und der junge Erbprinz Carl August fasste rasch Vertrauen zu ihm.

 

Norbert Leithold, Liebesbriefe und Geheimdepeschen, Osburg Verlag Schwächen der Mutter

Noch als er 1775 mit 18 Jahren den Thron von seiner Mutter übernahm, beriet Goertz seinen einstigen Zögling, inzwischen jedoch mit immer mehr Widerwillen gegen die Hofintrigen und Einmischungen Anna Amalias.
"5. Juni 1775 Der arme Erbprinz wird fast zum Äußersten getrieben und gezwungen, mit jedem Tag deutlicher die unbegreiflichen Schwächen seiner Mutter wahrzunehmen. Wieland wiederholt mir alle Tage 'Oh mein Gott, bester Graf, Sie haben mir zu wenig von dieser Frau gesagt.' Sie wird ihren Sohn damit auf immer verderben."
Klagen wie diese sind zahlreich in den Briefen des Grafen Goertz an seine Frau Caroline. Seit 1768 sind sie verheiratet, leben in Weimar jedoch mehr getrennt als zusammen, da er viele Verpflichtungen bei Hofe hat, häufig reisen muss. Als ihn die Herzogin nach der Kavaliersreise mit den beiden Prinzen unfreundlich entlässt, holt ihn der junge Herzog als Krisenmanager an den Hof zurück und betraut ihn mit diplomatischen Missionen.

Nähe durch Briefe

Die Eheleute bekommen drei Töchter und schreiben sich Brief um Brief, wenn sie getrennt sind, oft mehrmals täglich. Immerhin ist es Goertz gelungen, den wichtigsten Schriftsteller der Aufklärung Christoph Martin Wieland am Hofe durchzusetzen, und immer mehr Dichter und Gelehrte zieht es nach Weimar, auch Goethe, der sich schnell für die politischen Ambitionen der Herzogin einspannen lässt.
Doch um die Finanzen steht es schlecht, die Beamten des Herzogs unternehmen Luftbuchungen, er selbst widmet sich der Jagd und jungen Frauen, während Anna Amalia auf Münzfälschungen setzt. Goertz notierte:
"Solange sich so viel Heiler mit verschiedenen Heilmitteln am geschundenen Patienten zu schaffen machen, wird der nicht gesund."
Und er setzte alles daran, in die Dienste des Preußenkönigs Friedrich zu treten, der ihn schließlich 1779 als Gesandten nach Russland schickte.

Stimmung bei Hofe

Die Gräfin, eine ebenso intelligente wie klarblickende Frau, wohnt nun in Potsdam, denn die 10.000 Taler Jahressalär ihres Mannes hätten in St. Petersburg für eine Familie allenfalls als Monatsbudget gereicht, und die Beziehung der Eheleute beschränkt sich nun jahrelang auf Briefe.
"25. Mai 1780 Dieser Brief ist glücklicher als ich, denn er begleitet Ihre Sachen, mein liebster Mann,- ich kann nicht schreiben, ohne einen Strom von Tränen zu vergießen. Ach! Wenn ich das bei Ihrer Abreise vorhergesehen hätte, was wäre aus mir geworden?"
Meist aber hält sie den Schmerz im Zaum, liefert ihrem Mann präzise Schilderungen von der Stimmung bei Hofe, in diesen Krisenjahren, als der Preußenkönig verzweifelt nach einer außenpolitischen Linie sucht, die weitere Kriege mit Österreich verhindern sollte.
"Ich glaube, für den König persönlich sind Sie sehr gut dort, wo Sie sind. Er wird Sie sicher mit Schonung behandeln, und Sie brauchen diese Begegnungen mit ihm, denen hier keiner entkommt, nicht zu fürchten. Auf jeden Fall, mein liebster Mann, lassen Sie sich nicht entmutigen, Sie teilen dieses Schicksal mit vielen anderen ehrlichen Leuten.“

Im Zentrum der Macht

Die Briefe, die Friedrich II. zur gleichen Zeit an seinen Botschafter Goertz schreibt, zeigen, wie wichtig ihm die Geheimdepeschen vom Zarenhof waren, wie schnell aber auch sein Ton selbstherrlich und bösartig werden konnte. Graf und Gräfin, die im Zentrum der Macht verkehrten, gegenüber den Herrschern jedoch nicht blind waren, machen in ihrer Korrespondenz nachvollziehbar, welchen Zwängen sie ausgesetzt waren, wie sie ihre Freiräume nutzten und wie sich ihr Alltag bei Hofe gestaltete.
Aus rund 4000 erhaltenen Briefen hat Norbert Leithold eine kluge Auswahl getroffen, die sich zu einem dichten Zeitpanorama zusammenfügt. Es wäre ein Glück, da waren sich Johann und Caroline von Goertz einig, wenn sie sich nicht auf "dieser Galeere", am Fürstenhofe befinden würden – aber die Chance, davon loszukommen, gab es für sie in ihrer Zeit nicht.
(Lore Kleinert)

Norbert Leithold *1957 als Norbert Bleisch in Schwerin, deutscher Schriftsteller und Filmregisseur

Norbert Leithold (Hrsg) "Liebesbriefe und Geheimdepeschen"
Osburg Verlag 2012, 480 Seiten, 26.90 Euro

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