Saša Stanišić
Herkunft

"Ich bin in einem Land geboren, das es nicht mehr gibt." 1978 in Višegrad geboren, wird er 1992 zum Flüchtling, als seine bosniakisch-muslimische Mutter sich in Jugoslawien nicht mehr sicher fühlt und mit dem 14-jährigen Saša über Ungarn und Kroatien nach Deutschland flieht.

 

Saša Stanišić, Herkunft. Luchterhand LiteraturverlagSicherheit in Heidelberg

"Jugoslawien. Das aber nicht mehr lang. Der Sozialismus war müde, der Nationalismus wach. Fahnen, jeder eine eigene, im Wind, und in den Köpfen die Frage: Was bist du?"
Die vielfältigen Antworten auf die an sich einfache Frage "Was bist du?" ziehen sich durch dieses autobiografische Buch ...
"über meine Heimaten, in der Erinnerung und der Erfindung. Ein Buch über Sprache und Scham, Ankommen und Zurechtkommen, Glück und Tod."
Ihre Flucht aus Bosnien endet in Heidelberg, wo "wir uns zum ersten Mal nach der Flucht sicher fühlten."

Zurück in der Heimat

Stanišić erzählt von Demütigungen, die sie als Geflüchtete in Kauf nehmen mussten, und von Schamgefühlen, aber auch von Strategien, die er für sich entwickelte, um sich gegen Kränkungen und Verletzungen zu wappnen. So gab er sich statt als Opfer aus Bosnien manchmal als Slowene aus, weil das - eher positiv - mit Alpen und Skifahrern assoziiert wird; oder er gab seinem Namen mit den verräterischen Häkchen gelegentlich die deutsche Form, um leichter eine Wohnung mieten zu können. 2009 reist er zum ersten Mal wieder in seine alte Heimat, Oskoruša, ein Dorf in dem alle einmal Stanišić geheißen haben. Er trifft seine inzwischen dement gewordene Großmutter in Višegrad, wo er zur Schule gegangen ist, aber nie Religionsunterricht gehabt hat:
"Ich dachte eine Zeitlang, ohne Witz, Moslem sei man, weil man Schweinefleisch nicht aß - einfach also jemand mit einer speziellen Diät."

Heimliche Gedichte

Und doch müssen sie 1992 fliehen, weil seine Mutter, ohne religiös zu sein, Muslimin war und einen Hinweis erhalten hat, "ob sie denn wisse, wie spät es sei." In Deutschland arbeitet sie, eine Politologin, in einer Wäscherei, und der später nachgekommene Vater, von Beruf Betriebswirt, verdient den Lebensunterhalt für die Familie auf diversen Baustellen. Saša selbst geht zur Schule und schreibt während des Unterrichts heimlich Gedichte auf Serbokratisch - bis er vom Lehrer erwischt wird:
"Ich schrieb Gedichte, während er über Gedichte sprach. Er ermahnte mich. Mach ruhig, aber nicht im Unterricht. Und: Mach doch auf Deutsch! Er werde auch helfen ... Er war mein erster Lektor, aber auch die erste Person in Deutschland, die etwas, was ich tat, gut fand. Sich Zeit nahm für mich."
Stanišić lernt so gut und schnell, dass er an der Universität Deutsch und Slawistik studieren kann. Für seine Masterarbeit wird ihm sein erster Preis verliehen.

Selbstporträt mit Ahnen

Stanišić fügt lebendige Erinnerungen zu einem bunten Mosaik von kleinen Erzählungen zusammen, niemals chronologisch, sondern immer überraschend, Zeit und Schauplätze wechselnd. Seine Geschichten zeigen, dass Herkunft, Identität und Heimat mehr sind als Land- und Ortsangaben, sondern ein Bündel von wichtigen persönlichen Erfahrungen, die einen das ganze Leben begleiten, auch wenn man manche Ereignisse lieber vergessen, verdrängen oder nicht zugeben will. Das beschreibt er eindrucksvoll, mal poetisch, dann wieder lakonisch oder witzig, aber auch ernsthaft und reflektierend mit viel Sprachwitz und Situationskomik:
"Herkunft ist ein Buch über ein Dorf, in dem nur noch dreizehn Menschen leben, ein Land, das es heute nicht mehr gibt, eine zersplitterte Familie, die meine ist. Es ist ein Buch über die Frage, was zu mir gehört, ein Selbstporträt mit Ahnen. Und ein Scheitern des Selbstporträts."
(Peter Ehrenfried)

Saša Stanišić, *1978 in Višegrad, im ehemaligen Jugoslawien, deutscher Autor, lebt in Hamburg

Saša Stanišić "Herkunft"
Luchterhand Literaturverlag 2019, 368 Seiten,
eBook 17,99 Euro, AudioCD 12,99 Euro

Weitere Buchtipps zu Saša Stanišić
"Fallensteller"
"Vor dem Fest"
"Wie der Soldat das Grammofon repariert"