Maria Bachmann
Du weißt ja gar nicht, wie gut du es hast
Von einer, die ausbrach, das Leben zu lieben

Eine Kleinstadt in der süddeutschen Provinz in den sechziger Jahren: Maria Bachmann wächst mit Eltern auf, denen der Krieg noch in den Knochen steckt, die aber nicht darüber reden wollen. Der Vater rastet schnell aus, die Mutter kuscht und gibt den Druck an die Kinder weiter, Ungehorsam und Widerworte werden hart bestraft.

 

Maria Bachmann, Du weißt gar nicht, wie gut du es hast. Knaur VerlagBloß keinen eigenen Willen

Das Mädchen duckt sich weg, unfrei, schüchtern, immer auf der Hut: "Die Erwachsenen, aber vor allem Vater und Mutter, sind undurchschaubar, man wusste nie genau, wann sie böse werden und warum … ich fuhr meine Spürantennen aus und ertastete damit, wie ich am besten für sie sein sollte."
Eine unbeschwerte und liebevolle Kindheit geht anders, die kleine Maria lernt, möglichst schnell und nach Elternwünschen zu reagieren, so zu sein, wie es erwartet wird, den eigenen Willen zu unterdrücken. Das gilt auch für Essen und Trinken, davon gab es in Kriegszeiten wenig bis nichts. Also hatten Kinder zu essen, was auf den Tisch kam, und sich sich der Macht der Großen unterzuordnen.

Mitten ins Herz

Maria Bachmann gehört zur Generation der Nachkriegsenkel, hat hautnah miterlebt, welche seelischen Folgen Kriegstraumata auch nach vielen Jahren noch haben. Als Kind kann sie sich Depressionen oder Gewaltausbrüche nicht erklären, aber sie treffen mitten ins Herz, lähmen die kindliche Entwicklung, befördern ein negatives Selbstbild. Der erhobene Zeigefinger "Du weißt gar nicht, wie gut Du es hast" wird zur ständigen Mahnung, sich anzupassen. Liebevolle Fürsorge gibt es nicht, selbst als die kleine Maria darum bettelt, wird sie abgewiesen. Ein lebenslanges Defizit entsteht, Schuldgefühle plagen - vielleicht hätte sie sich doch anders verhalten sollen, für bessere Stimmung sorgen:
"Das Liebsein hatte ich gnadenlos perfektioniert … Ich hatte gelernt, dass sich wenig freuen und wenig lachen immer kluge Vorsichtsmaßnahmen waren, um nicht geschimpft zu werden. Ausgelassenheit verstellte ohnehin den Blick auf den Ernst des Lebens. Vater und Mutter konnten ein Lied davon singen, wie hart das Leben sein konnte."

Zunehmend rebellisch

Maria Bachmanns Geschichte ist autobiografisch, sie schildert lebhaft und nachvollziehbar eine in damaligen Zeiten durchaus typische Kindheit ohne Liebe und Anerkennung, dafür mit Kirchgang und Pflichterfüllung. Aber: Es gibt Mitte bis Ende der 60er Jahre auch schon andere, weniger autoritär strukturierte Familienkonstellationen, ihr Fall ist zum Glück nicht - wie in 1950er Jahren - die Regel. Das macht ihre leidvollen Erfahrungen nicht kleiner. "Ich halte es daheim nicht mehr aus" - sagt sie zur Mutter einer Freundin, die ganz und gar anders ist - am liebsten würde sie in dieser Familie leben. Denn zuhause muss sie um ein eigenes Zimmer, um dieses kleine Stück Privatheit kämpfen. Sie findet Trost in Rock-'n'-Roll-Musik - "Gedudel" für den Vater und "heimliche Verbündete" für die Tochter. Nach Phasen der Wut, nach Selbstmordgedanken, Essstörungen und Resignation bricht sie aus, geht nicht ins Büro, wie ihr die Eltern raten, sondern wird Krankenschwester, ehe sie sich doch zur Schauspielerei durchkämpft und ihren Kindheitstraum verwirklicht. Sie lernt Udo Lindenberg kennen, passt sich an – das hat sie gelernt. Nach der Liebesbeziehung wird er ein wichtiger und guter Freund in ihrem Leben. Und sie befreit sich, zunehmend rebellisch, von den rigiden Verhaltensmustern ihrer Kindheit. Nicht ohne Einbrüche und Rückfälle und auf der stetigen Suche nach Anerkennung. Die bekommt sie in ihrem Beruf - endlich. Und doch zu spät.

Eigene Ziele finden

Ein Therapeut wird ihr eines Tages sagen, sie sei ver-sorgt, aber nicht um-sorgt worden. Stimmige Formel für Familien, in denen Erziehung wenig mit Liebe, dafür viel mit Zwang, Verboten und rigider Moral zu tun hatte. Irgendwann gelingt es ihr, sich mit den Eltern zu versöhnen und deren Lebensmotto "Wir sind nichts und wir haben nichts" aus ihren Gefühlen zu verbannen, um eigene Lebensziele wichtiger zu finden. Ein ehrliches, offenes Buch, das Mut macht, sich von belastenden Kindheitsmustern zu befreien.
(Christiane Schwalbe)

Maria Bachmann, *1964 in Miltenberg/Bayern, Schauspielerin, Regisseurin, Schriftstellerin und Persönlichkeitscoach, lebt in München

Maria Bachmann "Du weißt ja gar nicht, wie gut du es hast"
Von einer, die ausbrach, das Leben zu lieben
Knaur Verlag 2019, 272 Seiten, 19,99 Euro
eBook 14,99 Euro