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Arche Literatur-Kalender 2015
Thema: Feste & Feiern

"Hier gibt es nur Fressen und Trinken und wieder Foxtrott … Groß in Mode ist der Herr Dollar, Kunst – wen interessiert das schon!" Als der russische Dichter Sergej Jessenin dies am 1. Juni 1922 an Alexander Sacharow schrieb, war seine Reise mit seiner Frau Isadora Duncan durch Amerika bereits ein privates und finanzielles Fiasko.

 

ARCHE LITERATUR KALENDER 2015, Thema Feste und FeiernWunderbare Erinnerungen

Auf der Schwarzweissfotografie schauen beide allerdings noch hoffnungsvoll und schick gekleidet aus ihrem Cabriolet. Die Vorfreude auf festliche Anlässe stellt das Fest selbst oft in den Schatten. Doch das ist nur eine kleine Facette im reichen Angebot des Arche-Literaturkalenders 2015. Die großen Partys, Premieren in Hollywood und Familienfeste liefern einladende Bilder, ermöglichen kleine Blicke hinter die Kulissen ebenso wie den Zugang zu wunderbaren Erinnerungen, die sich in die Gesichter eingeschrieben haben.

George Orwell etwa beschrieb 1943 seine Sauftouren mit den Tramps des Londoner East Ends in den 20er Jahren mit Vergnügen: "Insgesamt kann man sagen, dass die zwei Stunden perfekten und vollen Glücksgefühls die nachfolgenden Kopfschmerzen wert waren", und sein höchst zufriedener Blick spricht Bände.

 

Feste & Feiern

Welch eine schöne Idee der beiden Verlegerinnen Elisabeth Raabe und Regina Vitali, ihr 30-jähriges Jubiläum des Arche Literaturkalenders dem Thema Feste & Feiern zu widmen! In Tagebüchern und Briefen wurde gestöbert, und 53 Dichterinnen und Dichter erzählen in den ausführlichen Bild- und Textinformationen mal beiläufig, mal ausführlich von festlichen Anlässen in ihrem Leben.

Suppe mit Einlage

Hubert Fichte zum Beispiel erlebte als Kinderdarsteller die kargen Premierenfeiern der Nachkriegszeit im Restaurant der Kammerspiele Hamburg: serviert wurde Suppe  mit Einlage, "vier größere Fettaugen und als Einlage fünf Sternchennudeln", und die Intendantin glänzte im schwarzgrünen Turban. Andere kleine Geschichten, die diese Kalenderblätter erzählen, sind trauriger. Als Boris Pasternak am 23. Oktober 1958 sichtbar strahlend mit Frau und Freund auf den Literaturnobelpreis anstieß, war er "unendlich dankbar, bewegt, stolz", doch schon sechs Tage später verzichtete der Autor des "Doktor Schiwago" nach der Hetzkampagne der Partei und des sowjetischen Schriftstellerverbandes auf den Preis.

Völlig blockiert

Und Jorge Amado, Brasiliens bedeutendster Schriftsteller leidet unter Partys, Empfängen und Festessen gleichermaßen: "Ich bin dann völlig blockiert, gehemmt, ich verstumme, verliere die Gabe zu sprechen, bin noch dümmer als gewöhnlich." Doch das Foto vom Kongress sowjetischer Schriftsteller in Moskau 1954 spricht eine andere Sprache und zeigt munter plaudernde, gelöste Menschen. Wie immer sind dem Kalender präzise Kurzbiografien aller Schriftsteller beigegeben, von Amado bis Stefan Zweig, der ebenfalls an "Öffentlichkeitscomplexen, an einer törichten, aber unheilbaren Phobie" litt und ernsthaft von seinem Schreibtisch aufblickt, denn nur dort fühlte er sich sicher.

Schönes Geschenk

Zwischen all den anderen schönen Arche-Kalendern mit den Schwerpunkten Musik, Küche und Literatur, Kinder und Geburtstag nimmt dieser 30. Arche Literatur-Kalender einen besonderen Platz ein und ist als Geschenk unbedingt zu empfehlen!
(Lore Kleinert)

Arche Literatur-Kalender 2015
Thema: Feste & Feiern
Arche Kalender Verlag, 2014, 60 Seiten, 22 Euro

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