Neue Bcher

Wibke Bruhns
Nachrichtenzeit
Meine unfertigen Erinnerungen

Ein Wortspiel – "die Erste im Zweiten" – markiert den 12. Mai 1971 als einen Meilenstein in der Geschichte des Fernsehens: Wibke Bruhns las als erste Frau die Nachrichten. Dabei waren sie noch nicht mal selbst geschrieben, sondern von der Redaktion verfasst, sie war "nur" Ansagerin.

 

Wibke Bruhns Nachrichtenzeit DroemerDie Reaktionen, so erzählt sie, waren massiv:

"Empört haben sich überwiegend Frauen. Es kreischte in wütenden Briefen, ich solle mich gefälligst um Mann und Kinder kümmern. In Leserbriefspalten tönte es, warum ich über Dinge redete, von denen ich nichts, rein gar nichts verstünde … Unendliche Variationen gab es von Samaritern, die dafür sorgen wollten, mir meine 'Weiblichkeit' zurückzugeben mit Angabe von Wiesbadener Hotels."
Als Nachrichtensprecherin wurde sie zwar berühmt, aber "anderer Leute Texte vorzulesen ohne eigene Interpretation war mein Ding nicht …"

Brandts Wahlkampfhelferin

Eine "Frontfrau" des Journalismus sollte sie bleiben, denn vierzig Jahre lang stand sie im Sinne des Wortes stets an vorderster Front, wenn es um exklusive Geschichten ging, z.B. mit Willy Brandt, den sie 1972 auf seiner Wahlkampftour begleitet. Eine Journalistin macht Wahlkampf - heute unmöglich. Es ging ihr dabei zunächst weniger um die Politik der SPD als um den Mann, den die CDU mit üblen Vorwürfen überhäufte – unehelich, geschieden, Emigrant. "Ich versprach mir von Willy Brandt eine Erlösung aus dem Mief dieser Jahre." Eine Hoffnung, die damals viele hatten und die sich u.a. in den Studentenprotesten manifestierte.
Wibke Bruhns kämpft für den als unnahbar und spröde bekannten Brandt unter dem Slogan "Frauen entscheiden die Wahl für die SPD". Das Gerücht, sie habe eine Affäre mit ihm, hielt sich hartnäckig. Aber da war nichts, schreibt sie. Möglicherweise gab es eine Verwechslung mit einer Kollegin vom "Stern".

Deutsche Nachkriegsgeschichte

Die Bonner Politik Ende der 1960er bis hinein die 1970er Jahre ist das spannende Arbeitsfeld der jungen, leidenschaftlichen Journalistin, die sich mit Mut und Durchsetzungskraft nach oben arbeitet, zwei Töchter bekommt, nach dem ZDF beim Hörfunk arbeitet, Filme dreht, Artikel schreibt, schließlich zum "Stern" wechselt, der sie als Korrespondentin nach Israel und nach Washington schickt.
Ihr Mut und ihre Neugier brachten sie nicht selten in heikle, manchmal sogar lebensgefährliche Situationen, wie beim Besuch eines zerstörten Palästinenserlagers:
"Ich kletterte auf einen Trümmerberg, um einen besseren Überblick zu haben. Ödlandschaft, wohin das Auge reichte. … Als ich wieder zurückwollte, sah ich sie: Streumunition. Der Berg war übersät mit diesen Dingern, … jede einzelne so gefährlich wie eine Mine …"
Ein sechsjähriger Junge taucht plötzlich auf und führt sie zurück. Als sie wieder auf sicherem Boden steht, ist er verschwunden: "Ich konnte ihm nicht danken, ich konnte ihn nicht belohnen. Aber vergessen habe ich ihn nie."

Es sind abenteuerliche, manchmal anrührende Geschichten aus einem aufregenden Berufsleben als Vollblutjournalistin, aber der persönliche Blick fällt ihr schwer, sagt sie, geht immer wieder auf Distanz, zieht sich zurück in den eher sachlichen Stil einer Chronistin. Gleichwohl erfährt man viel über ihre von Not geprägte, nicht gerade von Liebe bestimmte Kindheit: Ihr Vater wird von den Nazis hingerichtet, die Mutter ist ihr gegenüber eher gleichgültig, kümmert sich kaum um sie. Die bewegende Geschichte des Vaters hat sie vor acht Jahren veröffentlicht: "Meines Vaters Land".
Studentenbewegung, Willy Brandt, die Affäre Guillaume, der Fall der Mauer, die angeblichen Hitlertagebücher, das Pulverfass Naher Osten, religiöser Fanatismus in den USA, die Begegnung mit Edward Teller, dem Erfinder der Atombombe – es gibt soviel, worüber Wibke Bruhns nach all' den Jahren erzählen kann. Sie war immer nah dran, plaudert aus dem gut gefüllten Nähkästchen, ordnet, analysiert, präsentiert deutsche Nachkriegsgeschichte und internationale Politik – engagiert, heiter, manchmal lakonisch und abgeklärt, immer ohne Eitelkeit. Ein spannendes Buch.
(Christiane Schwalbe)

Wibke Bruhns *1938 in Halberstadt, Fernsehjournalistin, lebt in Berlin

Wibke Bruhns "Nachrichtenzeit"
Meine unfertigen Erinnerungen
Droemer Verlag 2012, 424 Seiten, 22,99 Euro

Zusätzliche Informationen