Neue Bcher

Alice Schwarzer
Lebenslauf

Sie ist und bleibt nicht nur eine streitbare und kämpferische Feministin, die immer wieder polarisiert – zuletzt beim Kachelmann-Prozess -, sondern auch eine Zeitzeugin, die aus der sehr konkreten Perspektive der Gleichberechtigung seit vielen Jahren Politik und Gesellschaft beobachtet und analysiert.

 

0030-12-alice-schwarzer-lebenslauf-kiepenheuer-witschSehr persönlich

Alice Schwarzers Autobiografie zeigt noch eine andere Seite: die einer verletzlichen Frau, der in den vielen Jahren boshafter Spott und männliche Häme durchaus zugesetzt haben. 'Frau' kann nicht alles wegstecken. Ihr "Lebenslauf" ist ein durch und durch persönliches Buch, in dem Alice Schwarzer offen über ihre eigene Entwicklung schreibt, die durchaus nicht rosig begann.

Unerwünschtes Kind

Nach ihrer Geburt im Kriegsjahr 1942 wächst sie bei ihren Großeltern auf, getrennt von einer Mutter, die sie nicht haben wollte und zu der sie erst als junge Frau zurückfindet. Sie wird geprägt von der Energie der selbstbewußten, politisch denkenden und handelnden Großmutter, genannt Mama, und von der Liebe des fürsorglichen, vom Krieg traumatisierten Großvaters, genannt Papa, ein wunderbarer Geschichtenerzähler. Keine klassische Rollenverteilung also. Im Haus ihrer Großeltern hat sie ihre Wurzeln, hier lernt sie Durchsetzungskraft und politisches Bewusstsein, Leidenschaft, Freiheitsdrang und ein unerschütterliches Engagement für Gerechtigkeit:

Die Liebe im Leben

"Der Motor meines ganzen Handelns ist die Gerechtigkeit. Alles andere wäre für mich ein verpasstes Leben" sagt sie 1968, als die ganze Republik in Aufruhr gerät. Sie lebt und arbeitet in Frankreich und Deutschland, pendelt zwischen französischer Leichtigkeit und deutscher Gründlichkeit. Und sie führt viele Jahre lang eine Beziehung mit einem Mann, ehe sie ihre Liebe zu Frauen entdeckt.

Chronologie der Geschichte

Politische und private Perspektiven verbinden sich zu einer spannenden Chronologie: Die Kindheit auf dem Dorf und der erste Rock'n Roll in den 1940er Jahren, Ratlosigkeit im Beruf, ein Trip nach Saint Tropez und die große Liebe in den 1960er Jahren. Journalistin wird ihr Traumberuf, den sie mit großer Leidenschaft ausübt, sie wird Korrespondentin in Paris und irgendwann die ebenso bewunderte wie verhasste Pionierin der Frauenbewegung.

Gegen männliche Ignoranz

Wir erinnern uns an die Stern-Aktion gegen den § 218, an "Der kleine Unterschied und seine großen Folgen" und den Start von EMMA. Und wir erleben auch in der eigenen Erinnerung noch einmal, wie wir - selbst frauenbewegt - gegen männliche Ingnoranz kämpfen mussten, wenn es um ein selbstbestimmtes Leben ging.
In die Launigkeit des Erzählens mischt sich manchmal auch Kühle und Distanz, sogar ein wenig Bitterkeit, die unvermeidbar ist, wenn es um schmerzhafte private und politische Erfahrungen geht, die Narben hinterlassen haben.

Fortsetzung folgt

Alice Schwarzer befreit sich nicht nur von ungeliebten und unberechtigten Klischees, ihr Lebenslauf macht auch ihre Bedeutung als eine prägende Persönlichkeit des öffentlichen Lebens deutlich – für die Frauenbewegung und für die Geschichte dieser Republik.
Der "Streifzug durch mein eigenes Leben" mit vielen persönlichen Fotos, die eine außerordentlich lebenslustige und fröhliche Alice Schwarzer zeigen, weder verkniffen noch verbittert, ist ein sehr persönliches, sehr politisches und sehr sympathisches Buch, das 1977 mit der Gründung von EMMA endet. Es wird also eine Fortsetzung geben.
(Christiane Schwalbe)

Alice Schwarzer *1942 in Wuppertal, Schriftstellerin und Verlegerin von EMMA

Alice Schwarzer, "Lebenslauf"
Mit zahlreichen Fotografien und einem Anhang autobiografisch-journalistischer Dokumente
Kiepenheuer & Witsch Sept. 2011, 464 Seiten, 22,99 Euro

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