Reiner Engelmann
Der Buchhalter von Auschwitz
Die Schuld des Oskar Gröning

Als Oskar Gröning mit nur 21 Jahren 1942 nach Auschwitz abkommandiert wird, setzt man ihn sofort in der Registratur ein, der sogenannten "Häftlings-Geld-Verwaltung". 1940 ist er freiwillig in die SS eingetreten. Er hat eine Banklehre gemacht, ist also fachlich gut vorbereitet für die Aufgabe. Er wird Menschen nicht nur ihrer Rechte und Würde, sondern auch aller materiellen Besitztümer zu berauben. Später wird er sagen, er sei nur ein kleines Rädchen im Getriebe gewesen.

 

Reiner Engelmann, Der Buchhalter von Auschwitz - die Schuld des Oskar Gröning. Verlag cbjLebensgeschichte eines Täters

Engelmann macht den Leser im ersten Teil seines Buches mit der Lebensgeschichte eines Täters bekannt, der schon als junger Mannes ein überzeugter Nationalsozialist ist und die Vernichtung der Juden für richtig und unausweichlich hält. Oskar Gröning begreift schnell, dass die Menschen, deren Geld er zählt und das er in regelmäßigen Abständen nach Berlin bringt, ihren Besitz niemals zurückbekommen. Zum größten Teil werden sie sofort in den Gaskammern von Auschwitz ermordet oder sterben im Lager an Krankheiten, Hunger, Willkür. Er muss auch das Gepäck bei der Ankunft der Transporte bewachen - "Rampendienst"- damit sich niemand daran vergreifen kann. Dennoch versieht er pflichtbewusst seinen Dienst, ist nur schockiert, als er sieht, wie ein anderer SS-Mann ein Baby, das zwischen dem Gepäck liegen geblieben ist, gegen eine Stoßstange schleudert. Aber zu grundsätzlicher Kritik bewegt ihn diese Brutalität nicht.

Verspätete Strafverfolgung

Gröning, der einige Zeit in englischer Kriegsgefangenschaft verbringt, lebt nach dem Krieg ein ungestörtes Familienleben, hat zwei Söhne. Immer wieder scheint er nach Menschen zu suchen, mit denen er über seine Erlebnisse sprechen kann. Er versteckt sich nicht, tritt öffentlich gegen die Leugner der Shoa auf; sagt, ich war dabei, gibt dem "Spiegel" sogar ein ausführliches Interview. Dennoch gibt es lange keine strafrechtliche Verfolgung. Erst 2015 kommt es endlich zum Prozess, der im dritten Teil des Buches beschrieben wird.

Die "Ungarn-Aktion"

Grönings Geschichte wird mit dem Schicksal Éva Fahidis verknüpft, die als Nebenklägerin in diesem Prozess auftritt. Ihre gesamte Familie wurde während der sogenannten "Ungarn-Aktion" nach Auschwitz deportiert. Éva ist die einzige Überlebende. Die Ereignisse werden noch einmal aus ihrer Perspektive, also der Sicht der Opfer betrachtet. Die Unfassbarkeit des Geschehens widerspiegelt sich buchstäblich in den Augen der kleinen Schwester Gilike, von der Fahidi gleich bei der Ankunft getrennt wird, aber auch in ihren eigenen Fragen an die Blockälteste. Als sie nach ihrer Familie fragt, zeigt Schoschonka auf die Schornsteine und den Rauch: "Da ist deine Familie".

Von der NS-Zeit bis in die Gegenwart

Ein Buch über einen Täter – das birgt immer die Gefahr, Verständnis zu wecken, emotionale Nähe zu schaffen, zu verharmlosen. Doch obgleich Engelmanns den Schwerpunkt auf die Lebensgeschichte des Täters legt, entsteht weder Nähe noch Verständnis. Distanziert schildert der Autor die Ereignisse und zeichnet dabei dennoch ein differenziertes Charakterbild Grönings. Er macht den Versuch zu verstehen, "woher es kommt", wie Primo Levi gleich zu Beginn zitiert wird, weil wir nicht begreifen, warum Menschen zu diesen grausamen Handlungen fähig waren. Gleichzeitig wird die höchst problematische Geschichte der Strafverfolgung von NS-Tätern in der Bundesrepublik so thematisiert, dass Jugendliche sie verstehen können. Der Leser erfährt viel über die NS-Zeit, die Rechtfertigungen der Täter und die Kontinuitäten in der Nachkriegsgesellschaft. Ein herausragendes Buch, das nicht nur viel über die Geschichte der Shoa erzählt, sondern auch Einblicke in die Gesellschaft der Bundesrepublik in den letzten 70 Jahren gewährt. Gröning wurde schließlich doch noch verurteilt und starb im März 2018, ohne seine Haftstrafe angetreten zu haben. (Iris Knappe)

Reiner Engelmann,*1952 geboren, war nach dem Studium der Sozialpädagogik im Schuldienst tätig, wo er sich besonders in den Bereichen der Leseförderung, der Gewaltprävention und der Kinder- und Menschenrechtsbildung starkmachte. Für Schulklassen und Erwachsene organisiert Reiner Engelmann regelmäßig Studienfahrten nach Auschwitz.

Reiner Engelmann "Der Buchhalter von Auschwitz. Die Schuld des Oskar Gröning"
Ab 13 Jahren, cbj Verlag 2018, 219 Seiten, 16 Euro