Kim Thúy
Das Geheimnis der Vietnamesischen Küche

Ihre Romane leben von den Erinnerungen an ihre Heimat: Kim Thúy verließ Vietnam als Zehnjährige, zusammen mit Mutter und Brüdern. Als Boat People gelang ihnen die rettende Flucht übers Meer. Seit 40 Jahren lebt sie in Kanada..

 

Kim Thúy, Das Geheimnis der Vietnamesischen Küche. Verlag Antje KunstmannKulinarische Reise

Zu ihren Erinnerungen gehören in ihren Romanen immer auch Gerüche, Geschmack und Aromen der vietnamesischen Küche, ihnen hat sie nun ein Kochbuch gewidmet, das zu einer kulinarischen Reise einlädt:
"Wenn sie die Schwelle eines vietnamesischen Hauses überschreiten, werden sie unverzüglich mit verschiedenen Variationen ein und derselben Frage bombardiert:Hast du schon gegessen ...Möchtest du etwas essen ...Bleib zum Essen … " denn "… bei uns ist es nicht üblich, seine Freude zu zeigen. Wir drücken unsere Gefühle lieber über das Essen aus."
Sie verrät uns traditionelle Rezepte ihrer Mutter, der Großen Schwester 3, und ihrer Tanten 4 bis 8 – eine in Vietnam übliche Art der Bezeichnung, die der Reihenfolge der Geburt entspricht.

Niemals ohne Fischsauce

In einem vietnamesischen Haushalt kommen alles Gerichte gleichzeitig auf den Tisch, lernen wir, die ohne feste Reihenfolge abwechselnd gegessen werden:
"Nach einem Happen Fleisch kommt vielleicht ein Löffel Suppe, dann ein Stück Fisch und noch ein Schluck Suppe …"
Der übrigens als "Papillenreiniger" der Zunge gilt, um das volle Aroma der folgenden Speise zu schmecken. Wesentliche Grundlagen der Gerichte sind dabei Gemüse und viel frische Kräuter, die Vietnamesen lieben (Reis)Nudeln, Reispapierrollen und – die Fischsauce Nuóc Mám. An dieser fermentierten Würze riecht man besser gar nicht erst, sondern mischt sie lieber mutig unter die Speisen oder löscht Gemüse großzügig damit ab.
"Ohne Fischsauce, die aus zwölf Monate lang in Salz fermentierten Sardellen besteht, könnten die meisten Vietnamesen nicht kochen, ja nicht einmal LEBEN."

Exotisch und scharf

Es sind einfache Rezepte, die mit wenigen Zutaten gut funktionieren. In der vietnamesischen Küche wird schnell und frisch gekocht, ohne langes Garen oder dicke Saucen, Chilis geben Schärfe, meist stehen sie im Extra-Schälchen auf dem Tisch, zusammen mit Fischsauce. Garnelen, Yamswurzel, Lotusstängel, Chrysanthemenblätter, Zitronengras oder Chayote-Früchte sind hierzulande zwar nicht mehr unbekannt, gehören aber nicht zu unserem täglichen Speiseplan – im Gegensatz zur Küche der Vietnamesen. Wer damit kochen möchte, bekommt diese exotischen Zutaten in der Regel im Asienladen.

Geschichten aus der Familie

Kim Thúy serviert uns nicht nur süßsaure Suppe, karamellisiertes Schweinefleisch, Tintenfisch mit Gurke und Ananas, gegrillte Auberginen, pfannengerührten Wasserspinat Fisch aus dem Ofen oder Salat von Lotusstängeln, sondern auch Geschichten aus der Familie. Tante 7 beispielsweise kann perfekt frittieren, isst aber nicht gern Frittiertes, mit dem monatelang haltbaren Trockenfleisch Chà Bông versorgten die Frauen ihre Männer in den früheren Umerziehungslagern Vietnams, Eis isst man gern im Brioche-Brötchen, Guaven verzehrt Bruder Tin am liebsten mit Salz und Chili, und als Nachtisch kommt der unnachahmliche Karamellpudding von Tante 8 auf den Tisch, ein "vietnamisiertes" Erbe der Franzosen.
"Für Vietnamesen, sagt man, ist Essen ein Liebesbote. Die Großzügigkeit, die sich im Überfluss der Tafelfreuden ausdrückt, ist eine Geste der Zuneigung."
Die Kim Thúy auch von kanadischen Freundinnen erfährt: Sie liefern die passenden Weine und stimmige Musik zum Essen. Die wunderbaren Fotos von Familie und Rezepten stammen von Sarah Scott.
(Christiane Schwalbe)

Kim Thúy, *1968 in Saigon, mit ihren Eltern als boat people nach Kandada geflohen, Rechtsanwältin, Übersetzerin und Journalistin, lebt in Montreal

Kim Thúy "Das Geheimnis der Vietnamesischen Küche"
Aus dem Französischen von Brigitte Große
Verlag Antje Kunstmann 2019, 190 Seiten, 25 Euro

Weiterer Buchtipp zu Kim Thúy
"Die vielen Namen der Liebe", Roman