Neue Bcher

Elmore Leonard
Raylan

Den Titelhelden des neuen Romans von Elmore Leonard kennt man bereits aus der US-Krimiserie "Justified", und auch viele andere Bestseller des inzwischen 86jährigen Autors wurden mit großem Erfolg verfilmt, wie zB "Jacky Brown" oder "Schnappt Shorty". Für das Krimigenre sind seine Bücher eher untypisch - es geht ihm weniger um die Aufklärung komplizierter Fälle als um präzise Milieuschilderungen und überraschende Plots, und keiner formuliert so brillante Dialoge und beherrscht trockenen Humor so wie er.

 

Elmore Leonard, Raylan, Suhrkamp Verlag 2013Mord und Totschlag

Drei harte Nüsse für den US-Marshall Rayland Givens: ein Drogendealer wird in einer Badewanne aufgefunden, ohne seine Nieren, für deren Rückerstattung er 100.000 Dollar zahlen soll, und das scheint sich zur erfolgreichen Geschäftsidee zu entwickeln. Der M -T Kohlekonzern scheut bei seiner Jagd nach neuen Abbaugebieten auch vor Mord nicht zurück, und daraus entwickelt sich ein zweiter Fall, und – drittens - eine pokerkundige Studentin wird vermisst und ist möglicherweise in Banküberfälle verwickelt. Das verlangt nach effektiver Aufräumarbeit, und so kommt es auch.

Cool und sarkastisch

Drei Fälle, dazu drei Frauen als Mit- oder Gegenspielerinnen für Rayland Givens – ein Triptychon der Gier und Gewalt, das der wortkarge Mann durchstreift wie ein Sheriff im Wilden Westen, den Stetson in die Stirn gezogen und den Finger immer am Abzug. Was es vergnüglich macht, ihm dabei zu folgen, ist seine coole Art, die Dinge anzugehen und ein sarkastischer Humor, der die Leser an Quentin Tarantinos beste Filme denken lässt.
Sie fragte Raylan: "Wollen Sie nichts dazu sagen? Mein Schutzmann, mein wortkarger Ein-Satz-Marshall?"
Raylan sagte: "Mir ist noch nichts eingefallen, was es wert wäre, ausgesprochen zu werden."
"Da war’s wieder. Sie äußern sich immer nur in einem Satz. Sie laufen mit ausdruckslosem Gesicht durch die Gegend, während ihr Kopf ihnen ständig Schlagfertigkeiten eingibt."

Aus dem Lot geraten

Die drei Episoden sind nicht nur dadurch verbunden, dass Raylan Givens sie durchstreift, als Ermittler, dessen einziges Ziel darin zu bestehen scheint, das Gleichgewicht wieder herzustellen, und insofern fast eher Samurai als Westernheld ist. Durch Mord wurde eine Ordnung verletzt, und der Marshall bereinigt die Dinge, die aus dem Lot geraten sind – von Moral ist dabei nicht die Rede. Givens, der in Miami einen Mafioso erschoss, wurde in seine alte Heimat Kentucky rückversetzt, wo hinterwäldlerische Clans hausen und Drogen anbauen und die Kohle nach wie vor von Konzernen abgebaut wird, wenn auch anders als früher.
"Früher", sagte Raylan, "haben hier mal zehntausend Menschen gelebt. Heute hat der Ort noch achthundert Einwohner, Bergbau unter Tage wird kaum noch betrieben… M-T sprengt den ganzen Bergzug weg, Schicht für Schicht tragen sie die Flanken ab, alles was übrig bleibt, kippen sie seitlich runter, und unten duckt sich der Wald. Ich erinnere mich noch gut, wie Freunde von mir die Highschool verlassen haben, um ihre Jugendliebe zu heiraten und in die Minen runterzufahren ... Erinnerst Du dich noch an Tennessee Ernie Ford, wie er in dem Song 'Sixteen Tons' schuftet, um Kentucky-Kohle zu fördern, und dabei immer älter wird und einen immer höheren Schuldenberg anhäuft."

Gute Manieren

Und diese Geschichte des Harlan County, einst Herz des Kohlereviers, erzählt von Umweltzerstörung und Hoffnungslosigkeit und treibt die Aktionen der Dealer und Organhändler, der kleinen Ganoven und der großen Absahner voran, bis zu ihren blutigen Zusammenstößen, und verbindet sie auf unerwartete und tiefgründige Weise. Die Klassenkämpfe von früher haben einen langen Schatten, und Arbeit gibt es nicht mehr genug. Wohin das führt, dekliniert Elmore Leonard auf dreifache Weise durch, mit einem Helden, der über gute Manieren verfügt, Frauen als gleichwertig im Guten wie im Bösen schätzt und überflüssiges Geschwätz vermeidet. Kein Wunder, dass Leonard ihn nach einer erfolgreichen Fernsehserie wieder im Roman auftreten lässt, verkörpert er doch den Klang und Rhythmus seiner Gegend mit ihrer kohlschwarzen Geschichte aufs treffendste.
(Lore Kleinert)

Elmore Leonard, *1925 in New Orleans, US-amerikanischer Schriftsteller

 

Elmore Leonard - "Raylan"
Aus dem Amerikanischen von Kirsten Riesselmann, Suhrkamp Verlag 2013, 308 Seiten, 19,95 Euro, eBook 16.99 Euro

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