Attica Locke
Bluebird, Bluebird

"Bluebird, bluebird, take this letter down south for me ..." (John Lee Hooker) Der Highway 59 führt aus dem Süden von Texas bis in den hohen Norden, "asphaltierte Hoffnung" für die Schwarzen, die auf ein besseres Leben hoffen.

 

Attica Locke, Bluebird, Bluebird. Polar VerlagAuf Abruf

In Lark, einem winzigen Straßendorf, 178 Einwohner auf dem Gebiet einer ehemaligen Plantage, sind binnen zweier Tage zwei Menschen ermordet worden: ein schwarzer Rechtsanwalt aus Chicago, dessen Tod die lokale Behörde als Unfall abbuchen möchte, und eine weiße Kellnerin. Texas-Ranger Darren Matthews übernimmt die Ermittlungen – ein Mann auf Abruf, denn ihm droht die Suspendierung, weil er einem bedrohten schwarzen Freund half. Er trinkt zu viel, und seine Ehe mit einer erfolgreichen Anwältin droht zu scheitern.
"Die Stiefel, der Truck und der schimmernde fünfzackige Stern waren Teil einer Lone-Star-Arroganz, die einen starken Kontrast zu den jungen Jurastudenten, den sie geheiratet hatte, und dem Mann, den das Leben aus ihm gemacht hatte, bildete."

Wachsender Rassismus

Attica Locke nimmt sich Zeit, die Widersprüche im Leben dieses Mannes zu entwickeln, und dabei entsteht das empathische Portrait eines schwarzen Texaners, der nicht bereit ist, vor dem wachsenden und tief verwurzelten Rassismus in seiner Heimat zurückzuweichen, weder in Gestalt der Arischen Bruderschaft noch vor dem weit verbreiteten subtilen Ressentiment. Beides ist auch in Lark anzutreffen, und als Randy, die Witwe des toten Anwalts dort Aufklärung fordert, versucht Darren, die Verhältnisse aufzumischen. Weil er sie von Grund auf kennt.
"Er spürte eine genauso große Verpflichtung, sie vor Schaden zu bewahren, wie er den Tod ihres Mannes sühnen wollte. Er wollte, dass sie sich in Texas täuschte, wollte ihr zeigen, dass es kein Ort war, an dem man einen Schwarzen einfach umbringen und damit ungestraft davonkommen konnte."
Aber täuscht er sich da nicht selbst? Die Zugehörigkeit zu den legendären Texas-Rangers bedeutet für Darren die Gewissheit, dass er niemals kapitulieren wird, und zugleich schützt sie ihn nicht vor der Erkenntnis, wie sehr Rassismus auch die Gleichheit vor dem Gesetz beeinträchtigt, auch was seine eigene Verstrickung betrifft.

Schwarzes Leben

Attica Locke, selbst Texanerin, entwirft ein differenziertes Bild schwarzen Lebens, das auf der Stärke von sechs Generationen aufbaut. Sie bauten das Land nach ihrer Befreiung ebenso auf wie die Weißen, mit Seelenstärke und Dickköpfigkeit,
"ein Schutzschild gegen die engherzigen Eifersüchteleien und tödlichen Ungerechtigkeiten, mit denen sich die Weißen ihre freie Zeit vertrieben und ihre angsteinflößenden und aufdringlichen Blicke auf sämtliche Bereiche schwarzen Lebens richteten."
Wie wenig diese Obsession der Weißen der Vergangenheit angehört, grundiert die Ermittlungen rund um das Café von Geneva Sweet, deren Mann und Sohn ebenfalls ermordet wurden. Sie und alle Personen dieses Romans sind großartig und genau gezeichnet, und die Atmosphäre lässt die große Nähe lebendig werden, die alle Beteiligten verbindet, ob schwarz oder weiß, und ob sie wollen oder nicht.

Im Rhythmus des Blues

Darren Matthews muss in diesem perfekt konstruierten Krimi erkennen, dass es keine einfachen Lösungen geben kann und die Ursache der Gewalt mitunter weit zurückreichende Wurzeln hat:
"Das Gewirr von Familienbanden, die die Geschichte dieses Ortes bestimmten, und wie sie alle in Mord geendet hatten."
Beim Lesen von Attica Lockes viertem Roman, dem ersten, der in deutscher Übersetzung vorliegt - Dank dem Polar Verlag - wird man vom Rhythmus des Blues getragen, der mit ihrer schönen, ruhigen Sprache mitzuschwingen scheint. Ein Blues, der an die 30er oder 50er Jahre erinnert, aber ganz und gar im Amerika der Gegenwart gespielt wird.
(Lore Kleinert)

Attica Locke, *1974 in Houston/USA, US-amerikanische Schriftstellerin und Drehbuchautorin, lebt in Los Angeles

Attica Locke "Bluebird, Bluebird"
Aus dem Amerikanischen von Susanna Mende
Polar Verlag 2019, 336 Seiten, 20 Euro
eBook 15,99 Euro