Ivy Pochoda
Wonder Valley

Ein nackter junger Mann läuft auf dem Freeway 110 durch Los Angeles, vorbei am Stau, gejagt von Polizeihubschraubern und Journalisten. Ein anderer Mann im Auto erfährt von seiner Mutter, dass es sein Bruder sei, und noch ein anderer setzt dem Läufer nach, angesteckt von der Freiheit seines Laufs – und wird festgenommen.

 

Ivy Pochoda, Wonder Valley. Verlag ars vivendi

Achttausend-Dollar Couch

Ein Einstieg wie eine Kamerafahrt in einem Film von Robert Altmann, und die Schicksale von sechs Menschen beginnen sich zu verknüpfen. Tony, der Rechtsanwalt, der dem Nackten folgte, steckt in seinem pseudo-erfolgreichen Leben fest, in seiner Ehe mit den immer gleichen Ritualen, und selbst das komfortable Haus hat nichts mit ihm zu tun:
"Also macht das Haus keine Zugeständnisse an ihn, verweigert ihm ein Ausspannen auf der Achttausend-Dollar-Couch, obwohl Entspannung dort erwiesenermaßen zu finden ist, weiht ihn nicht ein in das Geheimnis der hochflorigen Samtteppiche oder in die Freuden der Regendusche in dem rundum erneuerten Bad."

Zuflucht beim Heiler

Als er auf Britt trifft, eine junge Frau, die den nackten Mann erkannte und ihn jetzt sucht, verstrickt er sich in die Geschichte der anderen, die vier Jahre zuvor, 2006, begann, in der Kommune auf der verwahrlosten Howling Tree Ranch in der Wüste. Ein selbsternannter Guru scharte junge Praktikanten um sich und spielte sich, neben der Hühnerzucht, als Heiler. Britt, die nach einem Unfall den Fahrer allein zurück und das College endgültig hinter sich ließ, suchte hier Zuflucht, ebenso wie zwei Ex-Häftlinge, die sich mit Gewalt, Drogenhandel und Einbrüchen durchschlagen, Sam und Blake.
"Blake war lang und schlaksig, zu viele Knochen für zu wenig Haut. Zeitweise kam er sich regelrecht hohl vor. Seine Rippen und die Gelenke stachen unter den T-Shirts hervor. Seine Hände und Füße waren so verhornt, als würde ihm ein Panzer wachsen. Laut seinem Ausweis war er dreißig, aber er fühlte sich älter, brüchig und spröde wie ein Wüstengesträuch."

Verborgener Schmerz

Auch Blake kommt 2010 nach L.A., auf der Suche nach Britt, die er für den Tod des dicken Samoaners Sam verantwortlich macht, damals auf der Ranch, nachdem die beiden einen der halbwüchsigen Zwillinge des Besitzers aufgenommen hatten. Er vermisst seinen Kumpel auch noch vier Jahre nach seinem Tod, spricht mit ihm und wird von Zorn, aber auch Schuldbewusstsein angetrieben. Was aus den Zwillingen wurde, aus ihrer Mutter, aus den anderen, entwickelt Ivy Pochoda langsam, in kurzen Szenen, die zwischen den Zeiten hin- und herspringen, und erst ganz allmählich, mit bemerkenswerten Gefühl für Timing, die Konturen eines Bildes ergeben. Die einzelnen Menschen aber, die sich aufeinander zubewegen, beschreibt sie mit größter Präzision - ihre Antriebsfedern, ihre Haltlosigkeit, ihren tief verborgenen Schmerz.

Im Teufelskreis

Ren etwa, der nach acht Jahren Jugendknast seine Mutter Laila sucht und sie in der Skid Row als drogendealendes Wrack findet, ist fest entschlossen, seine Freiheit nicht noch einmal aufs Spiel zu setzen. Doch im Bestreben, seine längst verlorene Mutter zu retten, wird er rasch wieder in den Teufelskreis der Gangs gezogen und kann – ebenso wenig wie die anderen Akteure – seiner Vergangenheit entkommen.
"Er verstand es jetzt – wie sich die Jungs in den Sozialsiedlungen und die tougheren Kids im Jugendknast ihre Selbstachtung bewahrten. Sie verdankten es nicht dem Nettsein, nicht dem Einhalten von Regeln. Sie hatten die Kontrolle übernommen, einen Weg eingeschlagen, auf dem sie bleiben konnten, auch wenn es kein guter Weg war. Und das gab ihnen Kraft. Es gab ihnen etwas in einer Welt, die ihnen alles andere verweigerte."
Pochoda läßt in ihrem großartigen Roman verlorene Seelen aufeinander los, die entweder vor einer Schuld fliehen oder nicht wissen, wann ihr Leben eine falsche Wendung genommen hat. Erlösung hält die "Stadt der Engel" nicht bereit, wohl aber Überraschungen, und dieser großartig konstruierte Roman kreist um die Möglichkeit, ins Elend zu geraten, schuldig oder unschuldig oder beides zugleich.
(Lore Kleinert)

Ivy Pochoda, *1977, aufgewachsen in Brooklyn, hat in Harvard studiert, war einige Zeit lang professionelle Squashspielerin, dann Schriftstellerin, Wonder Valley ist ihr dritter Roman, der erste in deutscher Übersetzung, sie lebt in Los Angeles.

Ivy Pochoda "Wonder Valley"
aus dem amerikanischen Englisch von Sabine Roth und Rudolf Roman
Roman, Hermstein Verlag ars vivendi, 400 Seiten, 18 Euro
eBook 14,99 Euro