Neue Bcher

Mechthild Borrmann
Der Geiger

Von den Gräueln und Verbrechen der Stalinzeit erzählt der neue Roman von Mechtild Borrmann, für den die Bezeichnung "Krimi" irgendwie zu niedlich scheint. Dann schon eher "Kriminalroman", aber auch das trifft es nur zum Teil. Die Autorin hatte zuvor schon mit "Wer das Schweigen bricht" höchst beeindruckend und spannend Zeitgeschichte im Gewand des Krimi-Genres dargestellt. Dies tut sie nun wieder, und das Thema hat es genau so in sich wie die Art und Weise, wie die Autorin damit umgeht.

 

Buchtipp Mechtild Borrmann, Der Geiger, Droemer-KnaurVerschleppung aus dem Konzertsaal

Im Jahr 1948 ist Ilja Grenko ein gefeierter Stargeiger in Moskau, der mit seiner Stradivari das Publikum verzaubert. Eines Abends wird er unmittelbar nach seinem Auftritt von zwei unerbittlichen, brutalen Gestalten verschleppt. Nur dem Pförtner kann er noch zurufen, was hier geschieht; seine Frau Galina, die im Publikum auf ihn wartet, und seine Kollegen, darunter seinen Förderer und Professor am Konservatorium, darf er nicht mehr benachrichtigen.

Lagerhaft und Verbannung

Man bringt ihn in die Lubjanka, die berüchtigte Moskauer KGB-Zentrale, man sperrt ihn ein, nimmt ihm die Geige weg, wirft ihm Landesflucht vor und verbringt ihn schließlich in ein Lager in Workuta/Sibirien. Ehefrau, Kindern, Freunde – allen wird suggeriert, Grenko habe sich illegal ins Ausland abgesetzt und die Familie im Stich gelassen. Galina und die Kinder trifft ein besonders hartes Schicksal. Sie werden auf zehn Jahre in Verbannung geschickt, Postkontakte sind verboten.

Mord an der Enkelin

Jahrzehnte später, im Jahr 2008, kommt Sascha, Ilja Grenkos Enkel, überraschend in Kontakt zu seiner Schwester, zu der die Verbindung seit Kinderzeiten abgebrochen war. Er verabredet sich mit ihr in München, muss aber erleben, wie sie, noch bevor sich beide sprechen können, vor seinen Augen erschossen wird. Sascha macht sich auf, die Vergangenheit seiner zerrissenen Familie zu rekonstruieren – und die verschwundene Stradivari zu finden.

Präzise, schockierend und spannend

Mit eindringlichen, schockierenden Bildern zeichnet Mechtild Borrmann das Leben in Stalins Lagern, die Folter, die Verwahrlosung, den Tod. In präziser, klarer Sprache und eingebettet in eine spannende Handlung zeigt sie ihren Lesern finsterste Seiten europäischer Geschichte und wie diese, Generationen später, weiter nachwirken. Etwas Besseres kann dem Genre "Kriminalroman" gar nicht passieren.

(Gabi von Alemann)

Mechtild Borrmann *1960 in Köln, Pädagogin und Krimischriftstellerin

Mechtild Borrmann "Der Geiger"
Droemer-Knaur 2012, 298 Seiten, 19,99 Euro

Zusätzliche Informationen