Neue Bcher

Gila Lustiger
Die Schuld der anderen

"Sie war nicht älter als neunzehn geworden. Und obwohl er eigentlich nur von ihr wusste, dass sie mit achtzehn aus einer Kleinstadt nach Paris gekommen war, um Geschichte an der Sorbonne zu studieren, hätte er nun bis ins Detail genau beschreiben können, wie das alles abgelaufen war …"

 

Gila Lustiger, Die Schuld der anderen, Berlin-Verlag 2015, Buchrezension und Buchtipp von Christiane SchwalbeMissbraucht und getötet

Wie nämlich eine junge, hübsche Französin aus der französischen Provinz in die Großstadt kommt und sich von einer Freundin beschwatzen lässt, es neben dem Studium doch mal mit der Prostitution zu versuchen. Sie wird ermordet - "geschlagen, gefesselt, missbraucht, stranguliert. Getötet." Aufgeklärt wird dieser Fall nach fast 30 Jahren, durch die neue Möglichkeit eines DNA-Abgleichs.

Kritische Zustandsbeschreibung

Gila Lustiger, Tochter des jüdischen Historikers Arno Lustiger, lebt seit fast 30 Jahren in Paris. Die Idee zu diesem Buch kam ihr mit der spürbaren Veränderung der französischen Gesellschaft - wachsender Erfolg der Nationalistin Marine Le Pen, gewaltsame Ausschreitungen in den Banlieues, den Pariser Vorstädten, zunehmender Fremdenhass und Antisemitismus. "Um Antworten zu finden, muss ich ganz einfach losziehen" sagt sie in einem Interview, "Die Schuld der anderen" ist das Ergebnis ihrer umfangreichen und detaillierten Recherchen, die eine ebenso realistische wie kritische Zustandsbeschreibung Frankreichs ab den 80er Jahren bis in die Gegenwart liefern.

Schattenwelt der Politik

Ihr Protagonist Marc Rappaport, investigativer Journalist und Enkel eines schwerreichen jüdischen Unternehmers, schreibt zunächst nur ein paar Zeilen über den endlich aufgeklärten Mord – aber der Fall lässt ihn nicht mehr los. Er macht sich auf die Suche, taucht ein ins Milieu der Prostituierten und damit in die Schattenwelt von Industriellen und Politikern, untersucht das eher spießige Leben des angeblichen Mörders, besucht seine Familie, entdeckt eine Häufung von Krebsfällen in der Provinz, darunter der Vater der Ermordeten - die Opfer sind allesamt Arbeiter in einer Chemiefabrik. Er lässt nicht locker, begibt sich auf gefährliches politisches Terrain, wird übel zusammengeschlagen und setzt bei seinem Chef doch immer wieder durch, das komplizierte Netz aus Korruption, Gewalt, Macht und Erpressung weiter entwirren zu dürfen. Mit Erfolg, er kann den geheimnisvollen Fall aufklären.

Spannender Krimi

Er stößt auf Profitinteressen skrupelloser Unternehmen, lanciert von führenden Politikern, denen die Moral egal ist, auf die feine Gesellschaft der Reichen und Schönen, auf die Hilflosigkeit der Arbeiter, der Minderheiten und Randgruppen, die kaum Chancen haben, aus ihrem gesellschaftlichen Ghetto auszubrechen.
Parallel zu ihren genauen Milieuschilderungen lässt Lustiger den Journalisten die eigene (jüdische) Biografie reflektieren, seine Prägung durch den übermächtigen und elitebewußten Großvater, seine Ambivalenz, aus der Oberschicht zu stammen und Partei für die Unterschicht zu ergreifen, sein fanatischer Gerechtigkeitssinn und seine Schwierigkeiten, sich an eine Frau zu binden.
Ein vielschichtiger, weniger literarisch als journalistisch erzählter Krimi, der kunstvoll zwischen Geschichte und Gegenwart, Fiktion und Dokumentation pendelt. Spannend!
(Christiane Schwalbe)

Gila Lustiger *1963 in Frankfurt/Main, in Jerusalem studiert, lebt seit 1987 als freie Autorin in Paris

Gila Lustiger "Die Schuld der anderen"
Berlin-Verlag 2015, 496 Seiten, 22.99 Euro
eBook 16,99 Euro

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