Elisabeth Herrman
Schatten der Toten

Es beginnt in Odessa und endet irgendwo bei Berlin. Judith Keplers Leben stand schon immer im Schatten von Toten, und die Jahre im DDR-Kinderheim nach einer missglückten Flucht machten sie hart und selbstgenügsam.

 

Elisabeth Herrmann, Schatten der Toten, GoldmannVerrat an der Tochter

Seit Elisabeth Herrmann vor 10 Jahren begann, ihre Geschichte zu erzählen, hat die Tatortreinigerin einen weiten Weg zurückgelegt, ihren Vater, den Waffenhändler und Ex-Stasiagenten sogar wiedergesehen, doch die Bitterkeit über seinen Verrat an seiner kleinen Tochter und den neuen Versuch, sie für seine Machenschaften zu benutzen, nie verwunden.
"Achtunddreißig Jahre. Kein Mann, keine Kinder. Kolonnenführerin im Gebäudemanagement, wenn man das so ausdrücken wollte. Einen Verbrecher als Vater, keine Freunde. Und wenn sie doch einmal Herzklopfen bei einem Kerl bekam, dann war er aus einem Milieu, das sie anziehen musste wie der Magnet die Eisenfeilspäne. Warum war das so?"
Vielleicht, weil Ausflüge in die Schattenwelt der Geheimdienste ihre Spuren für immer hinterlassen – Autoren wie John Le Carré oder Gerald Seymour haben mit dieser Faszination virtuos gespielt. Was Judith Kepler – außer der Verantwortung für die Firma ihres Chefs Dombrowski, den der Herzinfarkt erwischt hat – jetzt antreibt, ist die Sorge um ein Mädchen, das sie mal gerettet hat. Dessen Vater, Undercover-Agent im Dienst des deutschen Staats, soll in einer gewagten Aktion beim Waffengeschäft in der Ukraine eine rechte Zelle ans Messer liefern. Seine Chefin Isa ist mit Judith auf undurchsichtige Weise verstrickt, und der Mann, den sie mit dieser Aktion zur Strecke bringen will, ist eben der Waffenhändler, der sich jetzt Bastide Larcan nennt. In Odessa laufen alle Fäden zusammen, und Kepler trifft auch hier auf ihre verschüttete Erinnerung.

Gefährliches Spiel

Elisabeth Herrmann gelingt es, die Stadt am Schwarzen Meer wunderbar lebendig aus dem Schatten der Geschichte zu ziehen, indem sie sich nicht vom touristischen Blick beeindrucken lässt und doch weiß, dass Isaak Babels Odessa mehr ist als Rotlicht, Verfall und protzige Oligarchenvillen.
"Die Stadt nahm die Maske ab und präsentierte ihr pockennarbiges, verlebtes Antlitz. Häuserruinen, leere Fensterhöhlen, windschiefe Anbauten, die wie Schwalbennester an den Fassaden klebten. Ein Irrgarten aus schmalen Gassen und Innenhöfen, darunter, wie ein pulsierendes Geflecht aus Nervenbahnen, die Katakomben. Moldawanka. Isaak Babels Schmelztiegel der Nationen. Nach dem Exodus eine Schattenwelt, für Touristen ein No-go-Areal."
Souverän führt sie die vielen verschiedenen Handlungsstränge zusammen: das gefährliche Spiel Larcans alias Richard Lindner, der einem ukrainischen Oligarchen vorspielt, Retter seiner Tochter zu sein, den verzweifelten Versuch Judith Keplers, ihren Fast-Freund in Odessa aufzuspüren und nicht ins Messer laufen zu lassen.

Erstklassiger Thriller

Und nicht zuletzt die Rolle der Agentenführerin Isa, in deren Leben Lindner als Stasiagent und Romeo eine zentrale Rolle spielte, macht Herrmanns Roman zu einem erstklassigen Thriller mit rasanten Wendungen. Erst auf dem Totenbett ihrer Mutter erfährt die Tochter eines degradierten BND-Chefs eine Wahrheit, die sie alles aufs Spiel setzen lässt.
"Es war das Gefühl, das uns etwas verband. Ich hätte nicht sagen können, was. Die dunkle Seite der Sehnsucht, wenn man poetisch sein will. Der Gegenpol, das verzerrte Spiegelbild. Blutsverwandtschaft. Nicht mehr, Lacan. Ich empfinde nichts für Sie, nur Hass."
Väter und Töchter sind in Herrmanns kunstvoll aufgebautem Roman auf vielfältige Weise miteinander verbunden, durch Schuld, Verrat, Verantwortungslosigkeit, nachgetragene, quälende Liebe. Wie all das sich in mörderische Gewalt verwandeln kann, entwickelt die Autorin souverän und mit Tiefenschärfe.
(Lore Kleinert)

Elisabeth Herrmann, *1959 in Marburg, Journalistin, Dokumentarfilmerin und Autorin historischer Romanern, von Drehbüchern und vor allem Kriminalromanen, lebt in Berlin

Elisabeth Herrmann "Schatten der Toten"
Thriller, Goldmann München 2019, 673 Seiten, 15 Euro
eBook 9,99 Euro, AudioCD 11,45 Euro

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