Simone Buchholz
Hotel Cartagena

"Stepanovic kniet neben der verschissenen Pritsche, auf der ich liege, er hält mich, er hält meine Hand, und er singt mir was vor, ich mag die Melodie, aber den Text finde ich zum Kotzen."

 

Simone Buchholz, Hotel Cartagena. Kriminalroman, Suhrkamp NovaGeiselnahme in der Bar

So beginnt Simone Buchholz‘ neuer Kriminalroman, der neunte mit ihrer Heldin, der Staatsanwältin Chastity Riley, und fast endet er auch so. Dazwischen aber kreuzen sich zwei Geschichten. Eine kurze, die nur eine Nacht dauert: Im zwanzigsten Stock eines Hamburger Hotels feiert Faller mit seinen Kollegen von der Kripo und einigen alten Freunden, darunter auch Chas Riley, seinen 65. Geburtstag – bis dreizehn Geiselnehmer die Hotelbar übernehmen und alle festsetzen. Während sich innen und außen alles auf ein furioses Showdown zubewegt, entwickelt die Autorin in langen Rückblenden die Geschichte des St.Pauli-Jungs Henning Garbarek, der 19 Jahre alt war, als er 1984 auf einem Schiff anheuerte, weil ihn in der Stadt der Bosse, Nutten und Geschäfte nichts mehr hielt.
Zwei Jahre später macht ihm jemand in Cartagena ein Angebot, das er nicht ablehnt, und 1997 kommt sein Name in der Welt der Drogenermittler Hamburgs an, als er die Drahtzieher des von Kolumbien aus gesteuerten Kokaingeschäfts verraten wird. Und im Sommer 2001 auf Curacao alles verliert, was ihm jemals etwas bedeutet hat.
"… im Haus brannte ein Feuer in den Köpfen, in den Körpern und in den Nasen, es war ein kaltes Feuer, aber ein mächtiges. Es breitete sich schnell aus, und es drückte Dinge aus den Menschen, die besser dringeblieben wären. Ein riesiges Seelencasino, Gewinne waren nur vorgetäuscht, am Ende ging zu viel verloren."

Klage und Anklage

Wie schon in ihren anderen Büchern hat Simone Buchholz‘ Sprache einen ganz eigenen Ton, nüchtern und nah bei den Personen, dann wieder, etwa im Kopf von Chastity Riley, rotzig und zugleich von lyrischer Zartheit. Klage und Anklage schließlich im furiosen Finale, wenn klar wird, was die Geiselnehmer wollen und die Abrechnung näher rückt. Riley nimmt die Situation in der Hotelbar zudem verzerrt wahr, denn sie hat sich eine Blutvergiftung zugezogen und kämpft gegen das Fieber, das sie in ein sich rasend drehendes Karussell zu ziehen scheint. Zwei der Männer, die ihre Liebhaber waren oder auch noch sind, von Zeit zu Zeit, sind nah bei ihr, der dritte, Ivo Stepanovic, versucht, durch den Versorgungsschacht des Hotels zu ihr zu gelangen.
"Klatsche steht links von mir, Inceman steht rechts von mir, als könnten sie damit irgendwas ändern oder beschützen oder besser machen. Sie kommen mir vor wie ratlose und etwas heruntergekommene Erzengel."

Geschichten mit Hochspannung

Am Ende starrt die "Revolverheldentruppe minus eins" in ein großes dunkles Loch, denn einen von ihnen hat es erwischt, und Riley hat ihr Hamburger Universum einstweilen verlassen. Und schon wünscht sich die Leserin, sie möge wiederkommen, an welchen Ort oder Abgrund auch immer, denn auf Simone Buchholz‘ Art, düstere und dünnhäutige Geschichten mit Hochspannung zu erzählen, kann man auch nach diesem neunten Buch keinesfalls verzichten.
(Lore Kleinert)

Simone Buchholz, *1972 in Hanau, Journalistin, mehrfach ausgezeichnete Krimiautorin, lebt in Hamburg

Simone Buchholz "Hotel Cartagena"
Kriminalroman. Suhrkamp Nova 2019, 228 Seiten, 15,95 Euro
eBook 13,99 Euro

Weitere Buchtipps zu Simone Buchholz
"Blaue Nacht"
"Mexikoring"