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William McIlvanney
Fremde Treue

Glasgows legendärer Ermittler Jack Laidlaw ist erschüttert über den Unfalltod seines Bruders Scott, eines Lehrers in der Provinz. Was wurde aus dem lebenslustigen Mann, der am Ende seiner Verzweiflung und seinem Zorn freien Lauf ließ? Viele Fragen, denen Laidlaw nachgeht und dabei immer wieder auf Menschen aus seiner eigenen Jugend trifft.

 

William McIlvanney, Fremde Treue, Krimi, KunstmannSchlimmste Ungerechtigkeiten

Und vor allem werfen sie ihn auf seine grundlegenden Zweifel an dem, was seinen Beruf, sein Leben ausmacht, zurück:
"Wie oft hatte ich das Gefühl, den Falschen zu dienen? Wie oft den Eindruck, die schlimmsten Ungerechtigkeiten entsprangen nicht persönlichen, sondern institutionellen, finanziellen oder politischen Umständen? Das Verbrechen hinter dem Verbrechen hatte mich schon immer fasziniert, das unantastbare Netz aus institutioneller Ungerechtigkeit, auf die der jeweilige Fall kraftlos verweist."

Manischer Aufklärungswillen

Geschickt verknüpft McIlvanney Laidlaws Spurensuche nach dem, was in den letzten Lebenswochen seines Bruders geschah, mit einem Geflecht von Gewalttaten, die sich zur gleichen Zeit abspielten: Zwei Männer wurden ermordet, der eine ein Gauner, der andere ein Mann, der sich sein Leben lang für andere einsetzte. Man ist versucht, all diese Todesfälle miteinander zu verbinden, doch der Autor lässt die Ermittlungen nebeneinander her mäandern, um vor allem eines durchzuspielen: Laidlaw muss seiner Verzweiflung und seinem manischen Aufklärungswillen auf den Grund gehen und herausfinden, was ihn antreibt und von einem normalen Leben und der Frau, die er liebt, entfremdet.
"Ich wusste, dass ich meiner eigenen Verzweiflung entgegentrat, indem ich ihr Platz einräumte. Ich leugnete sie nicht, indem ich Gleichgültigkeit vortäuschte. Dafür war sie zu real. Leugnet man die Trauer, wird sie zum Steinmetz, verflacht den Charakter. Man muss durch die Traurigkeit durch wie durch die Roaring Forties."

Zorniger Grenzgänger

Das klingt oft pathetisch und mitunter auch nach allzu viel Selbstmitleid, und im englischen Original hat britischer oder auch schottischer Sarkasmus sicher mehr Raum. Dennoch ist McIlvanney ein glänzender Beobachter der Verhältnisse, in denen sich sein Held bewegt, wenn er zum Beispiel die gesellschaftlichen Schutzmechanismen und Verkrampfungen aufs Korn nimmt.
"…in Schottland hatten viele Menschen so unergründliche soziale Konventionen entwickelt, dass sie fast einer Pantomime gleichkamen, aber durchgehalten werden mussten sie trotzdem, egal welch tragische Oper sich sonst noch im Kopf abspielte."
Auch ist McIlvanneys Zorn über Egoismus und Verrohung seines Landes sehr authentisch und hat mit Jack Laidlaw einen Charakter erschaffen, der zum zornigen Grenzgänger wird, um nicht daran zu zerbrechen. Zugleich, und das macht diesen Fall spannend und lesenswert, ist er ein guter Polizist, der seinen eigenen Schattenseiten, den tragischen Opern in seinem Kopf intensiver näher kommt, indem er sich mit dem Schatten seines Bruders konfrontiert.
(Lore Kleinert)

William McIlvanney *1936 in Kilmarnock, Schottland, Lehrer und Schriftsteller, lebt in Glasgow

William McIlvanney "Fremde Treue"
Kriminalroman, Kunstmann 2015, 320 Seiten, 19,95 Euro
eBook 15,99 Euro

Weiterer Buchtipp zu William McIlvanney
"Die Suche nach Tony Veitch "

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