Neue Bcher

John Harvey
Unter Tage
Resnicks letzter Fall

1984 war England gespaltener als nach dem Brexit: der Bergarbeiterstreik und Thatchers harte Politik luden ganze Landstriche mit Hass auf, und tiefe Risse gingen durch Orte, Nachbarschaften und sogar Familien.

 

John Harvey, Unter Tage - Resnicks letzter Fall. ars vivendiZurück in die Vergangenheit

Charlie Resnick, John Harveys Polizeiermittler wird in seinem letzten Fall in diese Zeit zurückversetzt und trifft auf seine eigene Vergangenheit als junger Leiter eines Teams für verdeckte Informationsbeschaffung, das in Nottinghamshire die Lage im Auge behalten sollte.
"Wir haben damals eine Menge Dinge getan, die nicht korrekt waren", sagte Resnick schließlich. "Eine Menge Dinge, die wie anders hätten machen sollen oder gar nicht. Und sehr vieles, was vor Ort passierte, tja, das hatten wir überhaupt nicht in der Hand. Eine echte Entschuldigung ist das vielleicht nicht, aber so war’s. Und ich habe ein paar gute Leute kennengelernt, keine Frage. Auf beiden Seiten der Streikpostenkette. Hab einen davon mit zu Grabe getragen, ist gar nicht so lange her."

Mit scharfem Blick

Damals verschwand die junge Frau eines Bergmanns, der sich dem Streik nicht anschloss, während sie sich immer aktiver engagierte, erst in der Organisation der Frauen der Streikenden, dann als Rednerin und Kurier. Als Jenny Hardwicks Überreste nach 30 Jahren in den Fundamenten eines Abrisshauses gefunden werden, wird Resnick, der Expolizist mit den polnischen Wurzeln, zur Unterstützung herangezogen und befragt zusammen mit DI Njoroge alle, die damals dabei waren - auf allen Seiten - mit Geduld und gewohnt scharfem Blick auf Ungereimtheiten und Widersprüche.
"Für diejenigen, die Zeit hatten, von ihnen Notiz zu nehmen, gaben sie ein seltsames Paar ab. Resnick – hochgewachsen, doch mit Ansätzen zu einem Buckel, der ihn ein oder zwei Zentimeter von seiner Körpergröße kostete; noch immer massig unter dem schmuddeligen Regenmantel; ein Mann, so mochte man denken, der gerne aß, der gerne mal ein Glas Bier trank oder zwei, der zu viel Zeit hinter einem Schreibtisch sitzend verbrachte. Vor fünfzehn, zwanzig Jahren dürfte er nicht viel anders ausgesehen haben. Catherine Njoroge war gleichfalls hochgewachsen, nicht viel kleiner als Resnick, und ihr Gang hatte eine gewisse Würde, akzentuiert durch ihren langen Hals und die Art, wie sie den Kopf hielt."

Hass und Gewalt

Das Bild, das sich langsam herausschält, beschreibt die desolate Lage von Streikenden und Arbeitswilligen gleichermaßen, in einer Region, in der es fünfundzwanzig Kohlengruben gab, kaum mehr als 2000 Polizeibeamte, und eine schwankende Mehrheit, die zur Arbeit antreten wollte und von Streikposten daran gehindert wurde. Der Hass wuchs, die Gewalt auch, und gerade die Frauen zahlten einen hohen Preis. John Harvey schildert ihre Situation aus der Sicht von Jenny, die in diesen letzten Wochen ihres Lebens erkennt, wie wenig sie zu erwarten hat – eindringliche, sparsam geschilderte Passagen, die familiäre Gewalt ebenso wenig aussparen wie den Reiz eines selbstständigeren Daseins. Sogar ihre Kinder dachten 30 Jahre lang, sie hätte sie deshalb einfach verlassen.
"Jenny gefiel diese Vorstellung. Einer für alle, alle für einen. Sie hatte sich so gut wie nie Gedanken über Politik gemacht, bevor sich das alles hier aufgeschaukelt hatte, und jetzt hatte sie den Kopf voll davon. Die Gedanken schwirrten umher wie kleine Samenzellen auf der Suche nach etwas, das sie befruchten konnten. Auch darüber hatte sie bis vor Kurzem kaum nachgedacht. Unerbetene Bilder ihres einmaligen Seitensprungs mit Danny tauchten jetzt vielleicht nicht mehr ganz so oft in ihrer Phantasie auf, aber sie verschwanden auch nicht."

Mitgefühl für die Opfer

Jennys Sicht ist sehr berührend und lädt, wie in allen Resnick-Krimis, zum Mitempfinden mit den Opfern ein. Sehr authentisch schildert John Harvey die Aufbrüche und Verwerfungen vor dreißig Jahren und verbindet sie mühelos mit dem aktuellen Erfahrungsbereich einer Kleinstadt und eines überlasteten Polizeiapparats. So gelingt ihm ein Portrait der britischen Gesellschaft in einem Landstrich, mit dessen Veränderungen sein Ermittler Charlie Resnick nunmehr in 12 Bänden bester Krimiliteratur vertraut ist und für die er seinen Lesern den Blick geöffnet hat. "Darkness, darkness" ist der englische Titel des Buchs, und tatsächlich senkt sich Dunkelheit über das Geschehen, denn die Gewalt ist nicht weniger geworden, und auch die Wahrheit über den Tod der jungen Frau wird nicht alle Wunden heilen.

Würdiges Ende

Das Misstrauen unter den damals Beteiligten schwelt weiter, und Catherine Njoroge wird selbst Opfer eines gewalttätigen Angriffs – von einem bösartigen Exfreund, auch ihr Leben verändert sich dramatisch. Für seinen Katzenfreund und Jazzkenner Resnick hat John Harvey mit diesem letzten Fall, der zugleich die größte Krise Englands reflektiert, ein bestens erzähltes, würdiges Ende gefunden.
Der Autor selbst, wie Resnick ein kundiger Jazzliebhaber, ist in seiner Heimat ein bekannter Dichter, von dem wir nach dem Ende der Krimis sicher noch hören werden. Farewell, Charlie Resnick! (Lore Kleinert)

John Harvey *1938 in London, englischer Autor von Krimis, Erzählungen und Lyrik, lebt in Nottingham

John Harvey "Unter Tage"
Resnicks letzter Fall
"Darkness, Darkness" übersetzt aus dem Englischen von Gottfried Röckelein
Kriminalroman, ars vivendi 2016, 308 Seiten, 20 Euro
eBook 14,99 Euro

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