Neue Bcher

Johan Theorin
So bitter kalt

Scharfe Gegenstände darf der junge Vorschullehrer Jan Hauger nicht dabei haben, wenn er das Gelände des psychiatrischen Krankenhauses St. Patricia betritt, und beim Bewerbungsgespräch scheint es ihm, als würde es immer kälter, je tiefer er in die Klinik vordringt. Ein Experiment erwartet ihn: Das Projekt "Lichtung" soll den emotionalen Kontakt zwischen eingewiesenen Eltern und ihren Kindern ermöglichen.

 

Buchtipp Johan Theorin, So bitter kalt, Piper VerlagSchweigepflicht

Die Kinder müssen beim Besuch ihrer Eltern in der Psychiatrie durch eine Schleuse und einen unterirdischen Gang gebracht werden – und Jan Hauger und seine vier Kollegen in der Vorschule unterliegen der absoluten Schweigepflicht: keine Gespräche mit dem Krankenhauspersonal, keine Gespräche mit den Kindern über ihre Eltern. Es ist ein seltsamer Ort, dieses St. Psycho, wie die Bewohner der nahen Kleinstadt die Klinik nennen. Doch die Geister, die darin lauern, sind nicht von der übersinnlichen Art à la Lars von Trier oder Stephen Spielberg.

Geheimnisse

Der neue Vorschullehrer ist auf der Suche nach seiner Jugendliebe, der Sängerin Alice, die er in der Klinik vermutet. Johann Theorin entwickelt behutsam das Psychogramm eines Mannes, dem es schwer fällt, in Gesellschaft Erwachsener locker zu sein. Kinder will er beschützen, und Geheimnisse hat Jan Hauger zu bewahren gelernt – doch die Leser erfahren früh, wie er als Zwanzigjähriger in der Tagesstätte "Luchs" einen kleinen Jungen im Wald einsperrte.

Hilflosigkeit

Ganz langsam entwickeln sich die Handlungsstränge aufeinander zu und verknüpfen sich subtil: Der junge Lehrer erkundet das psychiatrische Krankenhaus und sein Umfeld in der Stadt, nimmt Kontakt zu seinen Kolleginnen auf, spielt sogar Schlagzeug, wie früher, als Junge.
Suche nach dem verschwundenen Kind - zehn Jahre zuvor - beteiligte er sich offensiv und achtete darauf, den kleinen William nicht wirklich zu gefährden – oder doch? Warum wollte er die Eltern das Fürchten lehren? Und was geschah mit Jan, als er selbst ein hilfloser Junge war? Was brachte ihn in die 'Klapse'und ließ ihn Zutrauen zum wilden Mädchen Alice fassen?

Labyrinth der Seele

Johan Theorin stellt nicht die platte Gleichung zahlloser Thriller auf, dass Traumata in der Kindheit pfeilgerade zu Gewalttätigkeit und Rache führen. Allerdings spielt er mit genau dieser Erwartung: Subtil und mit Vorsicht zieht er die Leser in den Kreis der Dunkelheit, die das Kind Jan umgab. Was ihm zustieß, ließ seine Wahrnehmung überscharf und schmerzhaft wach werden, und zugleich geriet er in die Falle der Einsamkeit – die Klinik mit ihren unterirdischen Gängen und Kellern wird zum Labyrinth seiner angstvollen Seele, und mit bemerkenswertem Einfallsreichtum lässt der Autor ihn nach Auswegen suchen.
Wie die in der Klinik eingesperrte Gewalttätigkeit dabei zur realen Gefahr wird und schließlich ein Gesicht bekommt, baut Johan Theorin zu immer größerer Spannung auf, und er legt nach und nach offen, wie sich seines Helden Erfahrung eigenen Schreckens in Konfrontation mit Wahnsystemen jeder Art als ebenso hilfreich wie hinderlich erweist.

Zwischen Fantasie und Paranoia

Der Göteborger Krimiautor, dessen fein ziselierte Öland-Krimis mit vielen Preisen ausgezeichnet wurden, schafft es, die Grenzen zwischen Fantasie und Paranoia durchlässig werden zu lassen, bis beides zu verschmelzen scheint. Doch Vorsicht: Überlebensstrategien sind es, die ihn vor allem interessieren, und weil er Rhythmus und Tempo seines Erzählens von ihnen ableitet, bietet das Buch viel Raum für Überraschungen.
(Lore Kleinert)

Johan Theorin *1963 in Göteborg, Süd-Schweden, Journalist und Schriftsteller

Johan Theorin, "So bitter kalt"
Piper 2012, 480 Seiten, 19,99 Euro

Zusätzliche Informationen