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Qiu Xiaolong
Schakale in Shanghai

Der 5. April ist nach dem chinesischen Mondkalender der Tag des Totengedenkens, Qingming, und Chen Cao macht sich auf die Reise zum Grab seines Vaters. Als Leiter der Sonderkommission des Shanghaier Polizeipräsidiums hatte er dazu zu wenig Zeit, doch jetzt hat man ihn weggelobt und zum Leiter eines Komitees für Rechtsreform ohne wirkliche Befugnisse gemacht.

 

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Damit nicht genug: in seinem achten Fall wird er fast in die Falle einer Razzia gegen pornographisches Verhalten gelockt, der er bei einer Lesung seiner Übersetzung von T.S.Eliot in einem Nachtclub nur knapp entkommt. Chen, aufrechter Polizist und hochgebildeter Dichter, muss erkennen, dass er selbst ins Fadenkreuz politischer Verfolgung geraten ist.
"Nach außen wirke ich erfolgreich und gut vernetzt, aber meine Laufbahn gleicht dem Ritt auf einem Tiger. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis er mich abwirft und erledigt. In diesem System ist kein Platz für einen Polizisten, der selbst dann noch nach Gerechtigkeit strebt, wenn es den Interessen der Partei zuwiderläuft. Es ist ein Wunder, dass ich mich überhaupt so lange halten konnte."

Rote "Prinzlinge"

Ein alter Polizist im Ruhestand, der "alte Jäger" bringt ihm die Möglichkeiten, als privater Ermittler weiterzuarbeiten, nahe, und auch seine Freunde geben dem ehrlichen Mann, der dem chinesischen Archetyp des ehrbaren Beamten nacheifert, Rückhalt – doch die Machthaber in China, die sich die Taschen füllen und sogar auf Rituale aus der Zeit der blutigen Kulturrevolution zurückgreifen, machen auch vor Mordanschlägen nicht Halt. Chens Ermittlungen im Auftrag einer jungen Frau, die schließlich ermordet aufgefunden wird, stören die Kreise der roten "Prinzlinge" Shanghais, wie die Kinder der einflussreichsten kommunistischen Funktionäre genannt werden.

Arbeit im Ausland

Sogar sein den Lesern wohlbekannter Kumpan Gu, ein erfolgreicher und gut vernetzter Geschäftsmann und Auslandschinese, legt dem Oberinspektor außer Dienst nahe, sich im Ausland nach Arbeit umzusehen:
"Ich habe ein Buch über Jiang Cun, einen Salzhändler aus der Qing-Zeit gelesen. Auf dem Gipfel seines Erfolgs soll er gesagt haben: Du kannst Berge aus Silber oder Gold besitzen, doch über Nacht kann der Kaiser dir alles nehmen, ohne in deiner Schuld zu stehen. So war es damals in China, und so ist es heute. Daher denke ich ans Auswandern."
Doch Chen hängt an seiner Heimatstadt Shanghai, aus der auch der Autor stammt. Bestens über die politischen Verwerfungen im modernen China informiert, verwebt Qiu Xiaolong den Skandal um das Politbüromitglied Bo Xilai, Parteichef vom Chongqing, und seine ehrgeizigen Ehefrau mit der Krimihandlung.

Verlorener Traum

Der Autor, der China seit langem verlassen hat, verfolgte den kometenhaften Aufstieg des roten "Prinzling", den er in seiner Jugend in den frühen Achtzigern persönlich kannte, mit großer Aufmerksamkeit. Beim tiefen Fall des hohen Funktionärs spielte ein mit Gift ermordeter Ausländer eine wichtige Rolle, und der Polizeichef der Stadt lieferte das korrupte Paar ans Messer, nachdem er ins US-Konsulat geflüchtet war. Doch so weit geht Xiaolongs Held Chen nicht, sondern er lässt sich nicht beirren und reflektiert den Weg der chinesischen Gesellschaft, in der er sich geschickt und wenn nötig auch verkleidet bewegt:
"Die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich schürte Unzufriedenheit und machte die Menschen leicht erregbar. Die Passagiere im Bus waren die Verlierer der Gesellschaft. Der von der Partei so lange propagierte Mythos von der maoistischen Gleichheit war zu einem verlorenen Traum verblasst."

Bilderreiche Sprache

Der genaue Blick auf die politischen Verhältnisse verträgt sich auch in Chens achtem Fall gut mit der spannenden Krimihandlung und den einfühlsam gezeichneten Beziehungen zwischen den Menschen. Xiaolongs bilderreiche Sprache nutzt Oberinspektor Chens eigentliche Berufung als Übersetzer und Dichter, um immer wieder Zitate chinesischer Dichter einzuflechten. Sie verleihen dem Kriminalroman einen poetischen und atmosphärischen dichten Hintergrund und seinem Ermittler ungewöhnliche Vielschichtigkeit:
"All die herrliche Landschaft entfaltet sich vor mir/doch was nutzt’s/wenn ich zu niemandem davon sprechen kann?" (Liu Song, 11. Jahrhundert)
(Lore Kleinert)

Qiu Xiaolong *1953 in Shanghai, chinesischer Literaturkritiker, Lyriker und Krimiautor, lebt seit 1988 in den USA

Qiu Xiaolong "Schakale in Shanghai"
übersetzt von Susanne Hornfeck
Paul Zsolnay Verlag 2016, 320 Seiten, 19,90 Euro
eBook 15,99 Euro

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