Thomas Engström
West of Liberty

Marrakesch: Drei junge US-Bürger werden in einem Barbiersalon erschossen. Was geschah und warum und wer dahintersteckt, interessiert den amerikanischen Generalkonsul nicht, und der Fall droht, unter den Teppich gekehrt zu werden.

 

Thomas Engström, West of Liberty. Ein Ludwig-Licht-Thriller, Verlag C. BertelsmannTrickreiches Spiel

Ein banaler Beginn eines Spionagethrillers, doch wer sich von dieser Eröffnung nicht entmutigen lässt, wird in ein trickreiches und sehr zeitgemäßes Spiel hineingezogen, das sich an sieben Sommertagen in Berlin entfaltet. Die Akteure: der fette Stationschef der CIA in Berlin, Clive Berner alias GT, beharrlich auf der Suche nach dem Anführer von Hydraleaks, worin man unschwer Wikileaks erkennen kann. Und auf der Flucht davor, überflüssig zu werden und in den Ruhestand zu müssen.
"Die Front. Sie hatte sich direkt vor seinen Augen aufgelöst, Und dann war sie natürlich wieder aufgetaucht – das war immer so -, aber leider ganz woanders. Offenbar befand sie sich jetzt in Afghanistan und Pakistan und schien sich in Richtung Arabische Halbinsel und Ostafrika zu verlagern. Die Front war eine launische, flüchtige Geliebte."

Rasante Wendungen

Sein Joker: der frühere Stasi-Agent und CIA-Spion Ludwig Licht, etwas abgehalfert, denn seine Bars sind verschuldet und die Ausputzerjobs für den Geheimdienst hasst er:
"Immer noch dasselbe ewige Großreinemachen. Immer noch dieselbe panische Zwielichtigkeit. Dieselben sinnlosen Aufträge."
Doch als sich eine flüchtige Frau meldet und Informationen über den Mord in Marrakesch und den Hydraleaks-Chef Lucien Gell verspricht, kommt er zum Einsatz, und der Fall entwickelt innerhalb kürzester Zeit die rasantesten Wendungen und Volten, die zu verraten unfreundlich wäre. Trotz akribischer Berlin-Kenntnisse sind es nicht die blumigen Beschreibungen der ehemaligen Frontstadt, die Engströms Thriller lesenswert machen, etwa, wenn der Mond am Himmel über Berlin "wie ein Plattfisch unter Blitzbeleuchtung" oder Potsdamer Platz im Juliregen "wie eine frische Wurzelfüllung" erscheinen.

Trost in der Zukunft

Die Konstruktion der Geschichte ist jedoch ungewöhnlich, plausibel und spannend, und wenn etwa der CIA-Chef auf einem Treffen der Anonymen Alkoholiker seine Schachzüge plant, sogar komisch. Und vor allem der Einsatz des Jokers im Spiel überzeugt. Für pseudoaufklärerische Umtriebe hat Ludwig Licht nicht viel übrig, ebenso wenig wie für seinen Auftraggeber, doch er beherrscht sein Handwerk und hat viel erlebt, mehr als die Hydraleaks-Idealisten.
"Ich weiß, wie es ist, ein System beseitigen zu wollen. Aber Sie und Ihre Freunde haben sich das falsche System ausgesucht. Sie bekämpfen das falsche System. Ein besseres System als dieses wird es nicht geben, wie oberflächlich es einem auch vorkommen mag."
Die Figur dieses ehemaligen Doppelagenten Ludwig Licht mit seinen widersprüchlichen Impulsen und seiner in einzigartigen Lebensumständen gewonnenen Moral macht diesen ersten Band einer Trilogie zu einem überraschenden Vergnügen für FreundInnen politischer Thriller.
"Es dämmerte. Dort draußen kauerte sich Berlin zusammen und suchte Trost in einer Zukunft, die vermutlich bereits hinter ihm lag."
(Lore Kleinert)

Thomas Engström, *1975, schwedischer Journalist und Schriftsteller, lebt in England

Thomas Engström "West of Liberty"
Ein Ludwig-Licht-Thriller
aus dem Schwedischen von Lotta Rüegger und Holger Wolandt
C. Bertelsmann Verlag 2019, 320 Seiten, 15 Euro
eBook 11,99 Euro