Neue Bcher

Clemens Kusch, Anabel Gelhaar
Architekturführer Venedig
Bauten und Projekte nach 1950

Wer vom Campo Santo Stefano zum Markusplatz geht, wird an vielen schönen alten Fassaden vorbeikommen, an kleinen Läden und stillen Plätzen mit schmiedeeisernen Brunnen.

 

Clemens Kusch, Anabel Gelhaar, Architekturführer VenedigKühl und gradlinig

Auf dem Campo San Moisè dann ein überraschter Blick auf das Hotel Bauer-Grünwald, das lange Zeit als eins der schicksten Quartiere Venedigs galt: eine kühle gradlinig-moderne Fassade, entfernt an Plattenbauten erinnernd, wäre sie nicht mit Travertin verkleidet, einem Stein, den man in Venedig selten sieht. Acht kleine, fast quadratische Fenster oben, acht unten, dazwischen ebenso schlichte größere Fenster mit unansehnlichen Blenden – ein heftiger Kontrast zur barocken Fassade der Kirche San Moisè.

Umstrittene Bauten

1949 wurde der gotische Palazzo am Canale Grande durch den Architekten Mario Meo erweitert und ergänzt. Wie umstritten Bauten wie diese in der alten Stadt an der Lagune sind, erfährt man im Architekturführer Venedig, der pünktlich zur Architekturbiennale 2014 erschienen ist.
Clemens Kusch und Anabel Gelhard haben acht Rundgänge durch Venedigs Sestieri, die sechs Stadtteile, zusammengestellt; sie zeigen die wichtigsten Neu- und Umbauten seit den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts und erläutern ihre Einbettung ins historische Stadtbild, als Kontrapunkt oder harmonische Sanierung.

Architektonische Herausforderung

Die Frage, wieviel Modernität sich eine Stadt leisten kann, ohne ihre einzigartige Identität zu beschädigen, wird hier besonders pointiert gestellt, denn kluge Erneuerung kann die Stadt vor dem Untergang retten. Das jedenfalls war das Credo bedeutender Architekten wie etwa Carlo Scarpa, der in der ganzen Stadt unverwechselbare Spuren hinterlassen hat – zum Beispiel einen kleinen Zen-Garten in der Fondatione Querini Stampalia, eine Oase der Ruhe mitten im touristischen Ausstellungsparcours.
Auch dem Biennale-Gelände, selbst ein Kaleidoskop der Architektur des letzten Jahrhunderts, ist ein kundiger Blick gewidmet, denn die Architekturbiennale konfrontiert die Stadt alle zwei Jahre mit moderner Baukunst und aktuellen Herausforderungen an Stadtplanung.

Wunderbar fotografiert

Die vielen wunderbaren Fotografien illustrieren sehr gelungen, wie wichtig moderne Architektur für die Vitalität der Lagunenstadt ist, will sie nicht nur Denkmal für die über zehn Millionen Übernachtungsgäste und ebenso viele Tagestouristen sein. Auch nicht realisierte Entwürfe, etwa für einen neuen Palast der Filmfestspiele oder ein großes Krankenhaus, werden dokumentiert; und aus dem Scheitern so prominenter Architekten wie Le Corbusier, Renzo Piano oder Frank Lloyd Wright lassen sich Rückschlüsse auf Venedigs Beharrungskraft, aber auch vertane Chancen ziehen.

Scheitern der Moderne

Nicht zufällig ist das Scheitern der Moderne das große Thema der Architekturbiennale 2014, und dieser sorgfältig gestaltete Stadtführer bietet kundige Orientierung im weltweit größten Open Air-Museum und lädt zu Entdeckungsreisen fernab der ausgetretenen Pfade ein.
(Lore Kleinert )

Clemens Kusch, Anabel Gelhaar "Architekturführer Venedig"
Bauten und Projekte nach 1950
DOM Publishers 2014, 288 Seiten, über 400 Abbildungen, 38 Euro

Architekturführer Venedig bekommt Sondererwähnung beim PREMIO ENIT 2014

Berlin/Frankfurt, 31. Juli 2014. Die Jury des PREMIO ENIT 2014 im Frankfurter ENIT-Büro hat in diesem Jahr beschlossen, in der Kategorie „Bester Reiseführer“ Sondererwähnungen für ausgefallene Editionen zu vergeben. Die Entscheidung fiel auf den Architekturführer Venedig von Clemens F. Kusch und Anabel Gelhaar.

Der PREMIO ENIT 2014 wird von der Italienischen Zentrale für Tourismus ENIT in den fünf Kategorien „Reiseführer“, „Specials Reisemagazine“, „Multimedia“, „Film“ und „Travel Blogs“ vergeben. Die Preisverleihung findet am 07. Oktober 2014 in Frankfurt am Vorabend der Frankfurter Buchmesse unter der Schirmherrschaft der Italienischen Botschaft Berlin statt.

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