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Héctor Tobar
In den Häusern der Barbaren

Etwa ein Drittel aller in die USA eingewanderten Lateinamerikaner lebt illegal im Lande. Beispiel Kalifornien: Dort hat sich Spanisch z. T. bereits als öffentliche Zweitsprache etabliert. Unter den immer zahlreicher werdenden spanischsprachigen Migranten leben mehrere Millionen Menschen, die illegal aus Mexiko gekommen sind.

 

Buchtipp Héctor Tobar In den Häusern der BarbarenVerblüffend anders

Eine solche illegale Migrantin ist Araceli Ramirez, die Hauptfigur aus "In den Häusern der Barbaren", dem Roman des Amerikaners Héctor Tobar. Der (bereits mit einem Pulitzer-Preis geehrte) Autor hat eine Heldin erfunden, die verblüffend anders ist: mürrisch, unfreundlich, einerseits froh, ihrer heimischen Familie entronnen zu sein, aber auch verbittert darüber, dass sie nun reichen Gringos das Haus putzt, statt Kunst zu studieren, wie früher in Mexico City.

Illegale Migrantin aus Mexiko

Araceli ist Haushälterin bei Scott und Maureen, einem gebildeten und gut situierten Paar mit drei Kindern. Sie bewohnen ein exquisites Haus in abgeschirmter Hanglage mit Blick aufs Meer und erziehen ihre Kinder mit vielen Büchern, kulturellen Anregungen und gesundem Essen. Nachdem die Familie finanziell ins Trudeln kam und den (mexikanischen) Gärtner und die (mexikanische) Kinderfrau entlassen musste, ist Araceli nun das (schlecht bezahlte) Mädchen für alles.

Das Ehepaar streitet sich eines Tages heftig über Geld. Beide verlassen empört das Haus, um sich eine "Auszeit" zu nehmen, übersehen dabei allerdings, dass niemand mehr für die Kinder da ist: nur noch die überforderte Araceli. Nach Tagen entschließt sie sich, den Großvater der Kinder zu suchen und die Kinder dort abzuliefern. Araceli beginnt eine Odyssee per Bus durch Los Angeles, die Kinder im Schlepptau ...

Gekidnappte Kinder?

Das kann nicht wirklich gutgehen. Oder doch? Es entwickelt sich eine Lawine, die kaum noch aufzuhalten ist. Eine illegale mexikanische Einwanderin hat amerikanische Kinder entführt! Polizei, Internet, Fernsehsender, alle suchen nach den Verschwundenen.
Organisationen pro und kontra Einwanderung formieren sich, der ultra-konservative Staatsanwalt hofft, ein deutliches Zeichen gegen Migranten setzen zu können. Jeder will aus dieser Geschichte sein Süppchen kochen. Mittendrin die Eltern der Kinder, die nicht wissen, wie sie ihr schlechtes Gewissen verbergen sollen.

Tragikomischer Gesellschaftsroman

Wie ein hoch spannendes Drama komponiert Tobar seinen Gesellschaftsroman. Nach einem gemächlichen Auftakt nimmt das Geschehen unglaublich Fahrt auf und bietet auf seinem tragikomischen Höhepunkt – unter anderem – auch eine kritische Darstellung der Medienmaschinerie. Das Ende wird hier nicht verraten ...

Tobar zeichnet ein differenziertes, auch empathisches Bild der Einwohner Kaliforniens, ob geborene US-Bürger oder Latino-Immigranten. Recht und Gerechtigkeit, soziale Teilhabe, der alltägliche Rassismus sind seine Themen. Zugleich ist dies ein Buch über eine Krise und die (soziale, politische, psychische) Arbeit daran, sie zu lösen.

Genussreiches Lesevergnügen

Ein Roman steht und fällt mit der Qualität seiner Sprache. "In den Häusern der Barbaren" liest sich ausgesprochen genussreich. Das verdankt sich der Fabulierfreude des Autors, seinen lebendige Personen-Porträts, seinem bisweilen grimmigen Humor – und nicht zuletzt der brillanten Übersetzung aus dem Englischen durch Ingo Herzke. Mein Dank geht an beide für dieses Lese-Erlebnis.
(Gabi von Alemann)

 

Héctor Tobar *1963 in Los Angeles, Sohn guatemaltekischer Immigranten, amerikanischer Journalist und Schriftsteller

Héctor Tobar "In den Häusern der Barbaren"
Piper Verlag 2012, 490 Seiten, 19,99 Euro

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