Neue Bcher

Paul Auster
Bericht aus dem Inneren

Paul Auster erinnert sich und zieht Bilanz. In seinem "Winterjournal" war es der Blick auf den Körper, seine Krankheiten, Narben, Blessuren, die Begegnungen mit dem Tod - im Winter seines Lebens.

 

PAUL AUSTER, Bericht aus dem Inneren, RowohltKindheit und Jugend

In "Bericht aus dem Inneren" blickt er zurück auf Kindheit und Jugend, auf die aufregenden Zeiten als junger und rebellischer Student, auf die Kindheit mit einer unglücklichen Mutter und einem Vater, der kaum zur Liebe fähig war.
"... die beiden haben es verpfuscht, und dass du diese Katastrophe als Kind miterleben musstest, hat dich zweifellos nach innen getrieben und einen Mann aus dir werden lassen, der den größten Teil seines Leben allein in seinem Zimmer verbracht hat."

Allmacht Amerikas

Eine bittere Erkenntnis und zugleich der Schlüssel zur Einsamkeit des Schriftstellers. Auster führt eine Art Selbstgespräch, greift das "du" aus dem "Winterjournal" auf, erinnert sich an den Mythos von der Allmacht Amerikas:
"In diesen frühen Kindheitsjahren lehrte man dich glauben, dass alles an Amerika gut sei. Kein Land konnte sich mit dem Paradies messen, das du bewohntest, erklärten deine Lehrer, denn dies war das Land der Freiheit, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, und jeder kleine Junge konnte davon träumen, eines Tages Präsident zu werden."

Kindheitsprägungen

Der naive Blick verändert sich, wird genauer, kritischer, bewusster und reflektierter. Austers Erinnerungen sind niemals vollständig, weisen große Lücken auf, wechseln Stil und Erzählweise, springen plötzlich in einen langen Briefwechsel mit seiner ersten großen Liebe, eine Art Tagebuch - keine Chronik also, eher Bruchstücke, nachträglich zusammengesetzt und interpretiert, auch zwei lang(atmig) nacherzählte Filme, die ihn geprägt haben, gehören dazu.

Früher Held

Der Erfinder Thomas Edison wird ein Held seiner Kindheit, er liest seine Biografien, sieht Filme über ihn. Er ist endlich stolz auf seinen Vater, weil der für Edison gearbeitet hat. Was er erst viel später erfährt: dass er schon nach ein paar Tagen gefeuert wurde, weil er Jude war. Antisemitismus und Judentum, Gedanken an seine Verwurzelung in Osteuropa und
"dass, wären deine Großeltern … nicht so klug gewesen, diesen Teil der Welt zu verlassen, so gut wie keiner von euch überlebt hätte, nahezu alle von euch während des Krieges ermordet worden wären."

Bewusstwerdung

Das alles gehört zu Austers Bewusstwerdung, zum Erwachsenwerden. Ein frühes Tagebuch fehlt ihm, die Notwendigkeit, das gerade Erlebte aufzuschreiben, leuchtete ihm als junger Mann nicht ein:
"Zu sehr in der Gegenwart gefangen, konntest du nicht wissen, dass der, an den du schriebst, dein künftiges Ich war. Also gabst du das Tagebuch auf, und im Lauf der nächsten siebenundvierzig Jahre ging dir nach und nach so ziemlich alles verloren."
Mit 67 hat er wieder danach gesucht, gräbt prägende Erinnerungen aus, legt Gedanken frei, auch in Fotos und Bildern, die als "Album" angehängt sind. Nicht alles fesselt, aber wer Auster mag, der mag auch dieses Buch - mit all' seinen Schwächen.
(Christiane Schwalbe)

Paul Auster "Bericht aus dem Inneren"
Rowohlt 2014, 368 Seiten, 19.95 Euro
eBook 16,99 Euro, Hörbuch Download 16,71 Euro

Weiterer Buchtipp zu Paul Auster
Winterjournal

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