Neue Bcher

Irvin D. Yalom
Das Spinoza-Problem

Irvin D. Yalom hat seine Leser schon mehrfach mit biografisch grundierten Romanen überrascht und begeistert. Nach "Und Nietzsche weinte", "Die Schopenhauer-Kur" sowie etlichen Fachveröffentlichungen hat der mittlerweile über 80jährige amerikanische Psychiatrie-Professor sich in seinem neuesten Werk wieder einmal mit Philosophie und Geschichte befasst.

 

Rezension Irvin Yalom, Das Spinoza-ProblemÜber Spinoza und Alfred Rosenberg

Zwei Handlungsstränge, zwei Biographien stehen im Mittelpunkt seines Romans, die auf den ersten Blick wenig gemeinsam haben: Da ist zum einen der exkommunizierte Jude Spinoza, der im Amsterdam des 17. Jahrhunderts seine religionskritischen Schriften anonym publizieren musste und als Vordenker der Aufklärung gilt.
Zum anderen ist da der Nazi-Chefideologe Alfred Rosenberg, unter anderem Herausgeber des "Völkischen Beobachter" und Organisator der Plünderung von jüdischem Kulturbesitz, der 1946 als einer der Angeklagten der Nürnberger Prozesse zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde.

Gesprächstherapie als literarischer Kunstgriff

Yalom nähert sich diesen beiden Personen mit Hilfe eines Kunstgriffs. Er denkt sich für seine beiden Protagonisten jeweils einen Gesprächspartner aus, der die beiden Kandidaten mittels moderner gesprächstherapeutischer Methoden zum Reden bringt.
Auf diese Weise erfahren wir Leser, was sie denken, was sie bewegt und leitet, und begleiten sie durch ihren jeweiligen Lebensweg: Der Philosoph Spinoza lebt bescheiden und zurückgezogen, Rosenberg dagegen zerfressen von Hass auf die 'jüdische Weltverschwörung' (die er zumindest mit-erfunden hat) und gedemütigt durch die fehlende Anerkennung der Nazi-Führungsriege, die ihn spinnert und anstrengend fand.

Literarisch-dokumentarische Lehrstunde

Eine Verbindung zwischen beiden bilden die Schriften Spinozas: Der von antisemitischem Hass geleitete Rosenberg verehrt Goethe als den größten Deutschen, hadert aber damit, dass Goethe seinerseits Spinoza las und verehrte, den ausschließlich von der Vernunft geleiteten Denker; und setzt sich doch widerwillig mit ihm – mit seinem Spinoza-Problem - auseinander.
Yalom, der sich in Pro- und Epilog dankenswerterweise dazu äußert, was ihn zu der Idee für diesen Roman brachte und wie sich darin Fakten und Fiktion zueinander verhalten, hat ein äußerst interessantes, spannendes Buch geschrieben. Eine gelungene literarisch-dokumentarische Lehrstunde in Philosophie, Psychoanalyse und Nazi-Ideologie.
(Gabi von Alemann)

Irvin D. Yalom *1931 in Washington, emeritierter Professor für Psychiatrie in Stanford

Irvin D. Yalom "Das Spinoza-Problem"
btb-Verlag 2012, 475 Seiten, 22,99 Euro

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