Neue Bcher

Donald Ray Pollock
Die himmlische Tafel

Der Groschenroman "Das Leben von Bloody Bill Bucket" ist ihre Bibel, und schon die Namen der Jewett-Brüder, Cane, Cob und Chimney, zeugen von Armut im Leben und im Geiste. Doch als ihr Vater an vergammeltem Fleisch elend stirbt, folgen sie mit beachtlichem Lebenswillen dem Vorbild ihres literarischen Räuberhelden.

 

Donald Ray Pollock, "Die himmlische Tafel", Verlagsbuchhandlung LiebeskindNeue Götter

Von Alabama über Georgia bis Ohio ziehen sie eine Spur von Überfällen, die die Klatschpresse zu monströser Größe aufbläst - drei unrasierte junge Männer zu Pferd in dreckigen Cowboyklamotten.
"Um den Oberschenkel des Dicken war ein blutiger Fetzen aus einem weißen Hemd gebunden. Gewehre ragten aus den Sätteln, Revolver steckten in den Holstern an ihren Hüften. Sugar kamen die drei vor, als seien sie aus einer längst vergangenen Ära aufgetaucht und würden nun nach einem Weg suchen, um wieder dorthin zurückzukehren. Wäre nicht das erste Mal, dass jemand in einer Zeit steckte, die überhaupt nicht zu ihn passte."
Man ahnt, dass es die passende Zeit für keinen der Akteure geben wird, denn die USA, wie Donald Ray Pollock sie beschreibt, befinden sich 1917 im Krieg mit Europa und erleben den größten Umbruch in der Geschichte des Landes: Fortschritt und Moderne sind die neuen Götter, die Autos verdrängen die Pferde, und die Landflucht vergrößert Armut und Gewalttätigkeit ins Unermessliche.

Showdown in Ohio

Cane, der Älteste der drei, sehnt sich nach der Welt der Bücher, denn er kann als einziger lesen. Cob ist geistig etwas zurückgeblieben, freundlich und loyal, und Chimney ist flink, anpassungsfähig und hemmungslos. Pollock beschreibt sie und alle, die ihren Weg kreuzen, mit hartem und hochkomischem Humor: Fünf Handlungsstränge berühren sich immer mal wieder - um den mörderischen Barkeeper Pollard, den akribischen Aussenklo-Kontrolleur Jasper, den Armeeoffizier Bovard, der außerhalb des Militärlagers ein geheimes, schwules Leben genießt, und den schwarzen Gauner Sugar, und schließlich den glücklosen Farmer Ellsworth Fiddler und seine Frau Beulah, bei denen die drei Outlaws wider Willen Zuflucht finden.
Mit der Fluchtbewegung der Brüder in Richtung Kanada bewegen sich die Geschichten aller aufeinander zu, mal blitzlichthaft kurz, mal ausgiebig und dramatisch farbenfroh ausgemalt, und in Meade, Ohio, dem dreckigen Ort mit Militärlager, Zeltbordell und vielen hungrigen Männern, kommt es zum Showdown.

Abscheu vor Rassismus

Der Autor beleuchtet die desolaten Verhältnisse mit Mitgefühl für die Schwachen, Hoffnungslosen und Hilflosen, tiefem Abscheu vor dem vorherrschenden Rassismus und treffendem Blick auch auf die nebensächlichsten Akteure, wie zum Beispiel einen fetten Burschen aus der militanten Gruppe Weißer auf der Jagd nach den Jewetts:
"Die größte Enttäuschung seines bisherigen Lebens war, nun ja, sein bisheriges Leben; und wie so viele andere weiße Nichtsnutze, glücklose Einfaltspinsel und von Verfolgungswahn geplagte Irre war auch er davon überzeugt, dass die schwarze Rasse die Schuld an seinem jämmerlichen Versagen trug."

Erinnerungen an die Jugend

Hungrig sind an der "Himmlischen Tafel" fast alle, und Pollock weiß um die Vergeblichkeit der Glückssuche im Land of the Free. Bemerkenswert, dass die Zeit vor hundert Jahren in diesem Roman so vieles über die amerikanische Gegenwart erzählt, und neben allen drastischen Beschreibungen von Fremdenhass, Gewalt und Rassismus gelingen Pollock immer wieder wunderbar zarte und fast lyrische Einblicke in die Seelen seiner Akteure, etwa wenn sich der Farmer Fiddler, von einem Gauner um all sein Erspartes gebracht, an seine Jugend erinnert:
"Der Hase war für immer verschwunden, und das machte ihn ebenso traurig wie manchmal des Nachts die Sterne, wenn sie in denselben beständigen Mustern über den Himmel zogen, wie ein Uhrwerk, Jahr für Jahr, Jahrhundert für Jahrhundert, ganz gleich, was auf diesem gottverlassenen Erdball aus Stein und Lehm vor sich ging, ob nun junge Männer in irgendeinem Krieg niedergemetzelt wurden…ob ein unschuldiges Baby in einem rattenverseuchten Plumpsklo ertrank oder nur ein armer, zitternder Hase seinen Kopf aus dem Unkraut steckte, um einen Bauernjungen zu beobachten, der mit seinem Vater nach Hause ging."

Wenig Mitgefühl

Söhne haben von ihren Vätern in Pollocks Roman wenig zu erwarten, und Mitgefühl ist ein rares Gut, doch ausgerechnet die Bücher sind es, die in der Lage wären, Trost zu spenden, wenn man sie denn lesen könnte. Von Bloody Bill Bucket bis Huckleberry Finn, der Geschichte des Trojanischen Krieges bis zu Richard III. tauchen sie an den Rändern des Geschehens auf, wie Leuchtfeuer oder Wegmarken, kaum zu entziffern, aber hartnäckig darauf aus, den Blick zu weiten.
(Lore Kleinert)

Donald Ray Pollock *1954, veröffentlichte erst 2004 seine ersten Kurzgeschichten, lebt in Ohio/Usa

Donald Ray Pollock "Die himmlische Tafel"
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Peter Torberg
Roman, Liebeskind 2016, 432 Seiten, 22 Euro
eBook 16,99 Euro

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