Vivian Gornick
Ich und meine Mutter

"Meine Mutter ist eine urbane Hinterwäldlerin, und ich bin die Tochter meiner Mutter. Die Stadt ist unser natürliches Element." Auf langen Märschen quer durch Manhattan redet die Ich-Erzählerin mit ihrer 77jährigen Mutter, sie selbst ist 45, und beide reiben ihre Erinnerungen aneinander, bis es vernehmlich knirscht.

 

Vivian Gornick, Ich und meine Mutter. Penguin VerlagKomplizierte Beziehung

Vergangenheit und Gegenwart vermischen sich, und auf den Erkundungen der Stadt wird die komplizierte und komplexe Beziehung der beiden für Vivian Gornick zur Herausforderung, Erfolg, Liebe und Freiheit zu definieren. Dabei gleitet sie unangestrengt durch die Zeiten und Orte ihres Lebens, ihre anstrengende und unduldsame Mutter fest im Blick. Das Haus in der Bronx, wo sie lebten, erscheint ihr als "Haus voller Frauen", deren Wünsche und Grenzen doch immer von Männern definiert werden - Vätern, Gatten, Liebhabern. Niemand kennt die anderen wirklich, aber alle wissen alles über die anderen, und über die tiefsten Ängste spricht man niemals.

Grelle Verzweiflung

In diesem Biotop unterdrückter oder melodramatischer Gefühle war die Mutter in ihrem Element,
"konnte wählen zwischen der Möglichkeit gesellschaftlicher Teilnahme und dem Rückzug in den eigentlichen, unbekannten Raum, in dem sie sich bewegen, frei ausdrücken, warm und sarkastisch sein konnte, hysterisch und großzügig, ironisch und voreingenommen“,
und Gornick schildert dieses Leben mit großer Farbenpracht und Musikalität, denn sie ist sich bewusst, wie sehr sie von diesem Zusammenleben geprägt wurde. Zugleich lotet sie, die 1935 als Tochter jüdischer Einwanderer in der Bronx geboren wurde, die subtilen Absetzbewegungen der Tochter aus, die bei der Mutter zwar sicher war, aber keine Luft kriegte, vor allem, als der Vater starb und die Mutter mit erst sechsundvierzig Jahren in grelle Verzweiflung verfiel.

Raum für sich selbst

Die Beobachtung anderer Frauen, etwa der schönen, provozierend sinnlichen Nettie, veränderten die Sicht der Heranwachsenden auf weibliche Möglichkeiten, und schließlich die Bücher, die Bildung, der Besuch des City College.
"Es tat meinen Gefühlen mehr Gewalt an, als Mama oder Nettie sich je hätten träumen lassen können, isoliert mich von ihnen beiden, begründete und nährte ein geheimes Leben in meinem Kopf, das mir wie ein Stück Verrat erschien. Ich lebte bei meinem Stamm, aber ich gehörte nicht mehr zu ihm…Wir waren Eingeweihte, wir hatten gelernt, dass es einen Unterschied zwischen verborgenen und ausgesprochenen Gedanken gibt. Das machte uns zu Umstürzlern im eigenen Heim."
Und nährte die Lust auf Umsturz ungerechter Verhältnisse, auch zwischen den Geschlechtern. Im Kampf um das eigene Schreiben öffnet sich für die junge Frau, die ihre Chancen erkundet, auch in einer eher beklemmenden, kurzen Ehe, der Raum, den sie braucht, um zu sich selbst zu finden.
"Im Innern dieses Glücks war ich sicher und sinnlich, erregt und eins mit mir, jenseits aller Bedrohung und Einflussnahme. Ich verstand alles, was ich verstehen musste, um agieren, leben, sein zu können."

Lebendig begraben

Gornicks Memoir ist nicht umsonst ein Klassiker der amerikanischen Frauenbewegung. Die Autorin von elf Büchern schrieb für renommierte Zeitschriften und wusste sehr genau, wie hoch die Hürden für weiblichen Erfolg gesteckt waren. Mit Ende dreißig erkannte sie, dass sie mit ihrem Leben ins Stocken geraten war, weil die Balance zwischen Kampf und Selbstmitleid zwar stärkt und beflügelt, doch wenn sie entgleitet, "fühle ich mich lebendig begraben in Misserfolgen und Verlusten, ohne Liebe und Kontakt."
Wie sehr auch diese schwankenden Gefühle, zwischen Erwartung und Resignation, durch ihre Mutter geprägt wurden, lotet Gornick auf den langen Gängen durch die Stadt hartnäckig und liebevoll aus. Sie kommt ihr näher und erkämpft für ihre eigenen Entscheidungen schließlich - die Mutter ist jetzt achtzig - Anerkennung, wenn auch nur für kurze Augenblicke, denn die alte Frau verteidigt ihre eigene Sicht mit ungebrochener Streitlust.

Risse im Muster

Dennoch:
"Wir tun fast nichts mehr so, wie wir es immer getan haben. Es gibt kein Immer mehr. Die festen Muster bekommen Risse. Diese Risse haben ihre eigenen Reize und Überraschungen."
In den vielen Episoden, die Gornick quer durch die Jahre und auf den gemeinsamen Wegen durch New York in ihrem so besonderen, persönlichen Stil verknüpft, gewinnen die kleinen Schritte in Richtung Freiheit, die Errungenschaften im Leben vieler Frauen eine besonderes Gewicht und einen schönen, kostbaren Glanz.
(Lore Kleinert)

Vivian Gornick, *1935 in der Bronx, New York, als Tochter jüdischer Einwanderer, ist Autorin zahlreicher Sachbücher, Journalistin, Literaturkritikerin und bekennende Feministin

Vivian Gornick "Ich und meine Mutter"
Aus dem Englischen von pociao
Penguin Verlag 2019, 224 Seiten, 20 Euro
eBook 15,99 Euro