Neue Bcher

Birk Meinhardt
Brüder und Schwestern

Über 20 Jahre nach dem Untergang der DDR befassen sich immer mehr Autoren mit der Zeit vor der Wende und den speziellen Lebensumständen und Befindlichkeiten der Deutschen im Osten. Ein starkes Stück Literatur hat jetzt Birk Meinhardt (geb. 1959 in Berlin) geschrieben, einen Wälzer von 700 Seiten, der so kurzweilig ist wie ein so dickes Buch es überhaupt sein kann.

 

Buchtipp Birk Meinhardt, Brüder und Schwestern, Hanser VerlagStreit beim Leichenschmaus

Im (fiktiven) thüringischen Städtchen Gerberstedt lebt die Familie Werchow, und die Geschichte setzt bei den Alten ein: Man schreibt das Jahr 1973, Großvater Rudi W. ist gestorben, Familie und Freunde versammeln sich zur Beerdigung, die halbwüchsigen Enkel Erik, Matti und Britta sind dabei, der Nachwuchs von Willy und Ruth Werchow; und als sich Willy West-Bruder Bernhard einerseits und ein altgedienter SED-Funktionär andererseits mit der Familie zum Leichenschmaus begeben, gibt es vorsichtigen Streit und es werden die Konfliktlinien und Widersprüche deutlich, an denen entlang sich die Familie in den folgenden Jahren entwickeln wird.

Alltag in der DDR

Es ist der Alltag der kleinen Leute in der DDR, an denen uns der Autor teilhaben lässt. Willy Werchow ist Direktor einer Druckerei, in der auch schon mal verbotene West-Literatur gedruckt wird. Erik, der Älteste, scheitert in der NVA und lässt sich korrumpieren, um seine Haut vor der Stasi zu retten. Britta fliegt von der Schule, als sie dort ein Biermann-Gedicht an die Pinnwand heftet, und findet eine Nische, in der sie glücklich werden kann, beim Zirkus. Schließlich Matti, der sich leise und trotzig zum Dissidenten und Romanautor entwickelt, während Vater Willy verzweifelt versucht, auf Linie zu bleiben und seine Lebenslügen vor den eigenen Kindern geheim zu halten.

Großes Lesevergnügen ohne Larmoyanz

Birk Meinhardt schreibt süffig und saftig und überaus stilsicher, er meidet jede Larmoyanz, jedes Pathos; er kann Humor, er kann auch Erotik; er zeigt seine Figuren mit so präzisem sprachlichen Können und begleitet sie so liebevoll, dass es ein großes, großes Vergnügen ist, dieser prallen Familien-, Sitten-, DDR-Gesellschafts-Geschichte zu folgen. Wie schön, dass es am Ende heißt: "Wird fortgesetzt". Ich freu' mich drauf.
(Gabi von Alemann)

Birk Meinhardt *1959 in Berlin, war Sportjournalist und Journalist der Süddeutschen Zeitung, lebt als Schriftsteller in Berlin

Birk Meinhardt, Brüder und Schwestern
Hanser Verlag 2013, 700 Seiten, 24,90 Euro, eBook 18,99 Euro

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