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Hanns-Josef Ortheil
Das Kind, das nicht fragte

Benjamin Merz ist Ethnologe und eigentlich immer auf der Flucht vor seinen vier älteren Brüdern, die ihn gängeln, bevormunden und dem Nachzügler ständig zu verstehen geben, dass er ohne ihre Hilfe nichts zustande bringt.

 

Hanns-Josef Ortheil, Das Kind, das nicht fragte, LuchterhandÜbermacht der Brüder

In Mandlica, einem kleinen sizilianischen Städtchen, das berühmt ist für seine Dolci, fühlt sich Merz sicher vor ihnen. Hier kann er das Telefon und damit ihre besorgten Anrufe einfach abstellen. Hier kann er aber noch etwas ganz anderes: den Einheimischen Fragen stellen, um ihre Lebensgewohnheiten zu erforschen. Das kostet Benjamin Merz allerdings viel Überwindung. Vor der Übermacht seiner Brüder hatte er sich stets weggeduckt, blieb still und stumm und musste das Fragen erst lernen.

Magische Persönlichkeit

Eine gewisse Scheu bleibt ihm und doch wird er in Mandlica ein anderer: mutig, selbstbewusst und im Sinne des Wortes sichtbar – so sehr, dass ihn zunehmend mehr Einwohner bestürmen, er möge sie doch ebenfalls befragen. Das gilt insbesondere für Frauen, die in dem zurückhaltenden, aber hartnäckig Fragenden eine anziehende, fast magische Persönlichkeit entdecken und bereitwillig ihre Familiengeheimnisse ausplaudern.

Intime Familiengeheimnisse

Man weiß von Ortheil, dass er von Kindheit an täglich Tagebuch geschrieben, seine Bebachtungen in unzähligen Kladden zu Papier gebracht hat. Wie sein Ethnologe Merz, der unablässig beobachtet, notiert und schreibt, zum intuitiven Gedankenleser wird, der sich mühelos in seine Gesprächspartner einzufühlen vermag. Italienische Lebensart und intime Familiengeheimnisse vermischen sich unter sizilianischer Sonne zu einer heiteren Liebes- und Lebensgeschichte.

Blick in menschliche Seelen

Ortheil ist ein magischer Erzähler und ein Meister der genauen Beobachtung. Er lässt sich Zeit, erweckt Schritt für Schritt seinen Protagonisten zum Leben, schaut fast beiläufig in die Seele der Menschen, baut Atmosphäre und Spannung genießerisch auf, spickt seine Geschichte mit vielen kulinarischen Erlebnissen und entwickelt eine amüsante Studie der Menschen in dieser typischen sizilianischen Stadt. So entsteht ein lebendiges Bild von Leben, Liebe und Arbeit, mit viel hintergründigem Humor und Ironie erzählt. Der Fremde lebt sich zusehends ein und erwirbt einen gewissen prominenten Status. Von seinen Erkenntnissen erhofft man sich in Mandlica eine vielversprechende Zukunft.

Lebensthema

Ein Mann muss das Fragen lernen, sich selbst behaupten, seinen Standort finden. Nach der "Erfindung des Lebens" ist dies erneut ein wunderbarer (Liebes)Roman um Ortheils Lebensthema, der sich aus seiner Kindheitsgeschichte und nicht zuletzt aus seiner Liebe zu Italien speist.
(Christiane Schwalbe)

Hanns-Josef Ortheil *5.Nov. 1951 in Köln, dt. Schriftsteller und Professor für Literatur

Hanns-Josef Ortheil - Das Kind, das nicht fragte
Luchterhand-Verlag Nov. 2012, 432 Seiten, 21,99 Euro, eBook 17,99 Euro

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