Neue Bcher

Alex Capus
Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer

Anfang November 1924: Ein 13jähriges Mädchen sitzt im Orient Express auf dem Treppchen des letzten Waggons und raucht. Ein junger Mann beobachtet die ein- und ausfahrenden Züge auf dem Züricher Hauptbahnhof und sieht sie, und vielleicht fällt der Blick eines Reisenden bei seiner Ausfahrt aus dem Bahnhof auf die beiden. Ein Zufall wäre es gewesen, denn alle drei sind einander in Zürich nie begegnet.

 

Alex Capus, Der Fälscher, Die Spionin und der Bombenbauer, Roman, Hanser VerlagLebenslinien nachspüren

So ist von Beginn an klar, dass es der Zufall ist, der Regie führt - auf Reisen, im Leben. Für den Schriftsteller Alex Capus besteht der Reiz, den drei Lebenslinien nachzuspüren, darin, dass sie – angestoßen durch Zeit und Politik - in diesem gewaltgeprüften 20. Jahrhundert ungewöhnliche Wendungen einschlagen. Und sein Blick auf die Schweiz – gesehen mit den Augen seiner drei Protagonisten – ist nicht immer freundlich:

"Das gibt es sonst nirgends auf der Welt, denkt Gilliéron, dass ein Volk zwar den Henker zum Teufel schickt, das Schafott aber stehen läßt; was müssen das für Menschen sein, welche die Richtstätten überwundener Feudalherrschaft jahrhundertelang nicht nur nicht schleifen, sondern sogar putzen und instand halten. Kleine Menschen in einem kleinen Land mit kleinen Ideen, die kleine Städte, kleine Bahnhöfe und unfassbar pünktliche Eisenbahnen bauen."

 

Rückkehr in die Heimat

Emile Gilléron ist nur in seine Schweizer Heimat zurückgekommen, um die Asche seines Vaters im Genfer See zu versenken. Er ist - wie der Vater - ein erfolgreicher Maler, und füllte – wie er - für einen berühmten Archäologen in Griechenland blinde Flecken auf Wandmalereien aus. Heinrich Schliemann, der Troja ausgrub, bediente sich der Fähigkeiten des Vaters, und der Sohn setzte diese Tradition für Arthur Evans fort: Unter seiner Anleitung entstand der Palast von Knossos.

Familiäres Erbe

Capus weist süffisant darauf hin, dass heutige Restaurateure vor dem Dilemma stehen, sich in ihrer wissenschaftlichen Korrektheit zwischen den wenigen neolithischen Fragmenten und Gilliérons Werk entscheiden müssen, das von der Kunst des Art déco der späten 20er Jahre inspiriert und mit Stahlbeton befestigt wurde. Hier haben wir also den Fälscher, dessen Nachkommen noch immer vom familiären Erbe zehren und in der Familienwohnung in Athen residieren. Ein Fälscher, den man allerdings, und Capus beschreibt es liebevoll, auch als begnadeten Erfinder betrachten kann.

"Des Menschen Wissen ist immer lückenhaft, das ist unser Schicksal. Nur deshalb tragen wir letztlich Glaube, Liebe und Hoffnung in unseren Herzen – damit wir die Bruchstücke unseres Wissens in Beziehung zueinander bringen und daran glauben können, dass das alles hienieden einen Sinn hat."

Bruchstücke von Wissen

Der pazifistische Student Felix Bloch findet den Weg von der Verfertigung von Kanaldeckeln zur theoretischen Physik, und auch ihn ereilt schließlich die Botschaft, dass Bruchstücke von Wissen kombiniert werden sollen, um Hitler beim Bau der Atombombe zuvorzukommen. In Leipzig, wo er sich habilitierte und lehrte, musste er erleben, als Jude ausgebuht zu werden. Im Team von Robert Oppenheimer und Edward Teller trug er dazu bei, dass die Bombe in die Welt kam.

Zum Tode verurteilt

Auch die dritte Lebensgeschichte nimmt eine unerwartete Wendung, dann nämlich, wenn das junge Mädchen, inzwischen Barsängerin wie schon ihre Mutter, erkennt, dass es nicht zur Ehefrau in der friedlichen Schweiz geschaffen ist und Mann und Kinder verlässt. Laura d’Oriano wird die einzige Frau sein, die in Italien zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde – mit großer Tapferkeit ermittelte sie für de Gaulles Schattenarmee die Einsätze der italienischen und deutschen Kriegsschiffe.

Mit leichter Hand

Das Zusammentreffen der Macht der Umstände mit drei Menschen, deren Wege sich – vielleicht – einmal kreuzten, skizziert Alex Capus in seiner biografischen Dreifacherzählung mit Zuneigung, ironischem Abstand und leichter Hand. Es geht ihm nicht um psychologische Tiefenschärfe und literarisches Eigenleben, sondern um das Spiel mit Fakten und Fiktion, um die Vervollständigung der wenigen Bruchstücke, die vom Menschenleben übrig blieben - mittels literarischer Phantasie.
(Lore Kleinert

Alex Capus *1961, Schweizer Schriftsteller, lebt in Olten/Schweiz

Alex Capus "Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer"
Hanser 2013, 288 Seiten, 19,90 Euro
eBook 15,99 Euro, Audiobook 19,99 Euro

Zusätzliche Informationen