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Katja Petrowskaja Vielleicht Esther

Vielleicht hieß sie Esther, die alte Frau, die in Kiew allein zurückblieb, als ihre Familie im August 1941 vor der deutschen Armee floh. Ihr Enkel, der später der Vater der Autorin Katja Petrowskaja werden sollte, war gerade neun Jahre alt, und wenn nicht ein Blumenkübel vom Lastwagen heruntergenommen worden wäre, hätte er in der rettenden Arche keinen Platz gefunden.

 

Katja Petrowskaja, Vielleicht Esther, Roman, Suhrkamp VerlagKraft der Intuition

Esther, von der nur eine Fotografie blieb, vielleicht Esther, wurde, als sie deutsche Soldaten nach dem Weg zum Sammelplatz der Juden fragte, auf der Straße erschossen, "mit nachlässiger Routine". Katja Petrowskaja heftet sich an ihre Fersen, versucht, ihren Weg in den Tod mit aller Kraft ihrer Phantasie und Intuition zu erkennen, und sie fragt:
Woher kenne ich diese Geschichte in ihren Einzelheiten? Wo habe ich ihr gelauscht? Wer flüstert uns Geschichten ein, für die es keine Zeugen gibt, und wozu? Ist es wichtig, dass diese alte Frau die Babuschka meines Vaters ist?

Spuren der Vergangenheit

Wie wichtig es ist, die Leerstellen in der Familiengeschichte aufzuspüren, wurde der Autorin erst bewusst, als die fraglose Geborgenheit des sowjetischen Universums ihrer Kindheit zerfiel und sie erfuhr, was ihr nicht erzählt worden war – über die Zweige der Familie, die in Vergessenheit gerieten, die Menschen, über die geschwiegen wurde. Von den noch lebenden Verwandten und den Nachbarn in ihrer Heimatstadt Kiew führen diese Spuren sie weit zurück, nach Wien und in den Südural, nach Warschau und Kalisz, die Stadt der Spitzenweber und die westlichste Stadt des russischen Imperiums Ende des 19. Jahrhunderts, und schließlich nach Auschwitz, Mauthausen und in die Todeszone von Babij Jar, wo an zwei Tagen 33.771 Menschen getötet wurden und alle, die man nach ihnen ermordete, nicht mehr gezählt wurden.

Motive der Geschichte

Indem sie auch die Vergeblichkeit reflektiert, die ihrer Suche innewohnt, das Unvermögen, die Milchglasscheibe der Amnesie zu durchdringen, gelingt es Katja Petrowskaja, dem zersplitterten Bild des 20. Jahrhunderts auf literarische und höchst subtile Weise näherzukommen. Sie bündelt die Geschichten um bestimmte Motive, die sich durchziehen wie Ariadnefäden, und der Art, wie Menschen sich zu erinnern vermögen, näher kommen als alle durchdachten Strategien.

Suche nach dem Zuhause

Katja Petrowskaja musste während ihrer Suche erkennen, wie sich die Geschichte der Gegenwart bemächtigt. Ob das Zuhause, das man in der Vergangenheit wiederfinden will, in der Sprache, im Raum oder in der Verwandtschaft liegt, bleibt fraglich. In der neu erworbenen deutschen Sprache verarbeitet sie die Stummheit, den Verlust all jener Sprachen, die die verlorenen Vorfahren beherrschten: polnisch, jiddisch, hebräisch, die Sprache der jüdischen Gebete:
Als wäre es die kleinste Münze, zahlte ich in dieser spät erworbenen Sprache meine Vergangenheit zurück, mit der Leidenschaft eines jungen Liebhabers…Dieses Deutsch war mir eine Wünschelrute auf der Suche nach den Meinigen, die jahrhundertelang taubstummen Kindern das Sprechen beigebracht hatten. ..

Verständigung mit Gebärden

Die Gebärdensprache spielt dabei eine besondere Rolle, denn sieben Generationen der Familie ihrer Mutter unterrichteten taubstumme Kinder, gründeten Waisenhäuser und Schulen, zunächst zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Wien, dann in Lemberg und später in Kiew. Ihre Großmutter Rosa, die eigentlich Opernsängerin werden wollte, war Direktorin der Schule für taubstumme Kinder in Kiew und 1942, nach der Flucht, dann Leiterin eines Waisenhauses für Leningrader Blockadekinder – Nachbarin von Janusz Korczak, der von Kiew nach Warschau zurückkehrte und mit seinen Kindern starb.

Denkmal aus Sprache

"Ich kann nicht anders", schreibt die Autorin, "als an die Rochaden des Schicksals zu denken, an die Zufälle in Raum und Zeit", und sie setzt Rosa, die später erblindete und mitunter vor dem Fernseher die Internationale mitsang, ein Denkmal aus Sprache, fein ziseliert, voller Liebe und mit Sinn für Komik, etwa wenn sie an die "sowjetischen" schwarzen Haarnadeln der alten Frau denkt, die ihr zum Ariadnefaden werden.
Ich finde Rosas Haarnadeln in allen Städten der Welt, in Hotels, auf modernen Bahnhöfen, in den Gängen von Zügen und in fremden Wohnungen, als hätte Rosa sich kurz vor mir an diesen Orten aufgehalten, als wüsste sie von meiner Verlorenheit und zeigte mir mit ihren Haarnadeln den Weg nach Hause – sie, die niemals im Ausland gewesen war.

Bruchstücke des Lebens

Weil Katja Petrowskaja sich den Schwingungen aussetzt, die die noch greifbaren ebenso wie die weit entfernten Geschichten aus ihrer Familie in ihr auslösen und sich im Schreiben selbst zum Resonanzraum macht, ist ihr ein großartiges Buch gelungen – kein Familienroman, sondern eine Elegie über Bruchstücke des Lebens, mit großer Mühe dem Tod abgetrotzt und von einer jungen Frau mit bemerkenswerter Sprachkraft zu einem ungewöhnlichen, vielfarbigen Bild umgestaltet.
(Lore Kleinert)

Katja Petrowskaja, *1970 in Kiew/Ukraine, lebt seit 1999 in Berlin, arbeitet als Journalistin und Kolumnistin der FAS. 2013 wurde sie mit dem Ingeborg-Bachmann-Literaturpreis ausgezeichnet, für eine Geschichte aus ihrem neuen Buch "Vielleicht Esther". Die Autorin ist mit diesem Buch für den Preis der Leipziger Buchmesse 2014 nominiert.

Katja Petrowskaja "Vielleicht Esther"
Suhrkamp 2014, 285 Seiten, 19,95 Euro
eBook 16,99 Euro

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