Neue Bcher

Saša Stanišić
Vor dem Fest

"Ein Dorf in der Uckermark, voller Gegenwart, voller Legenden. In 'Vor dem Fest' erzählt dieses Dorf sich selbst – ein Roman als furioser Chorgesang in Prosa."

 

Sasa Stanisic, Roman, Vor dem Fest, LuchterhandPreis der Leipziger Buchmesse

So urteilte die Jury über Saša Stanišićs neuen Roman "Vor dem Fest" und verlieh ihm den Preis der Leipziger Buchmesse 2014. Ein ausgezeichnetes Buch also im doppelten Wortsinn, aber nicht unbedingt eine leichte Lektüre. Seine außergewöhnlichen Geschichten aus der Provinz verlangen vom Leser durchaus Geduld, um in die skurrile Welt von Fürstenfelde hineinzufinden.

Das Dorf ist traurig

Das Dorf in der Uckermark ist eingetragenes Bodendenkmal, und sein Fährmann hat auch Angela Merkel schon befördert. Aber der Fährmann ist tot und "Wir sind traurig. Wir haben keinen Fährmann mehr … Zwei Seen, kein Fährmann … Und die Seen sind wieder wild und dunkel und schauen sich um."

Wir – das ist das Dorf, das von sich selbst erzählt, von Gegenwart und Vergangenheit, von Märchen, Mythen und Legenden und von kauzigen Menschen, in deren Seele die DDR deutliche Spuren hinterlassen hat.

Poetische Kraft

Ein ungewöhnlicher Dorfroman, geschrieben mit großer Genauigkeit und poetischer Kraft, in einer Sprache, die mit dem Wort spielt, ungewohnte Zusammenhänge findet: Da "pflügen die Raben den Äckern die Wintersaat aus dem Leib" und "Die Nacht trägt heute drei Livreen: Was war, was ist, was wird geschehen". Es ist die Nacht vor dem Fest, dem Annenfest, das schon seit dem 16. Jahrhundert gefeiert wird und auf das sich die Menschen vorbereiten: "Das Dorf kocht, das Dorf sprüht Glasreiniger. Das Dorf schmückt die Laternen … das Dorf bestuhlt ... das Dorf putzt die Schaufenster."

Komisch und tragisch

Komisch und tragisch zugleich sind viele Figuren: die nachtblinde Malerin Anna Kranz, die nur Nachtbilder malt; der ehemalige NVA-Oberst Schramm, in dessen "Haushalt finden sich im Schnitt mehr Gründe gegen das Leben als gegen das Rauchen … Bäcker Zieschke wird wieder die Kunst und Kurioses Auktion leiten – u.a. im Angebot: ein Wäschekorb mit unbekanntem Inhalt, Startpreis 3 Euro"; ein früherer Briefträger hat sich der Zucht alter Hühnerrassen verschrieben: "Es war so, dass seine taubenblaue Uniform ihm ideal stand, was verwunderlich ist, wenn man bedenkt, wie selten DDR-Uniformen irgendjemandem ideal standen."

Schwermuth und Depression

Frau Schwermuth, die Hüterin vom "Haus der Heimat", ist depressiv geworden, lässt ununterbrochen  das Tageshoroskop des Frühstücksfernsehens laufen und macht Kniebeugen davor. Die dicke Mu ist im Geschichtsverein und schreibt Hefte voll, das neue heißt "Feuerwehr und andere Vereine". Ein Typ namens Lada (!) versenkt sein Auto im See, und Ulli schenkt in einer Garage 'Sterni' aus, weil es im Dorf keine Kneipe mehr gibt. Immerhin: Es gibt es noch einen Zigarettenautomaten, der jenem NVA-Mann Schramm ein Dorn im Auge ist. Zwischendrin macht sich eine Füchsin auf den Weg, um frische Eier für ihre Jungen zu stehlen, ein abenteuerliches Unterfangen, wie sich herausstellen wird.

Fiktiv oder wahrhaftig

Geschichten aus der tiefsten Provinz, aus einem Dorf, das überall und nirgendwo liegen kann, in Deutschland oder in Bosnien, wo der Autor geboren ist - authentisch, verrückt, spannend und oft erst auf den zweiten Blick begreifbar. Das fordert Aufmerksamkeit und Konzentration, um Zusammenhänge aufzuspüren, die vielleicht gar nicht da sind oder sich erst viele Seiten später entdecken lassen oder überhaupt nicht.

Sprachkünstler

Der Autor erweist sich als virtuoser Sprachkünstler, als Wortartist, der stilistisch hin und her springt, sich mal einer Kunstsprache bedient, um dann wieder in alten Überlieferungen und Kirchenbüchern altertümliche Dorfgeschichte zutage fördern:
"So manches Haus in Fürstenfelde steht seit dem Krieg verlassen… Eine Forcht plaget mich um den Ort, daß ihm ein Los der Wüstung und Zunichtewerdens droht wie andren im Umland."
Nicht nicht immer wird klar, was fiktiv ist und was wahr oder ironisch überspitzt oder ganz einfach echt:

Um mit den Dorfbewohnern zu sprechen:
"Wie geht’s? Muss ja."


(Christiane Schwalbe)

Saša Stanišić *1978, Bosnien und Herzegowina stammender deutschsprachiger Schriftsteller

Saša Stanišić "Vor dem Fest"
Luchterhand 2014, 320 Seiten, 19,99 Euro
eBook 15,99 Euro, Audiobook 19,99 Euro
Hörbuch Download 12,99 Euro

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