Neue Bcher

Inger-Maria Mahlke
Wie Ihr wollt

"Ich bin ein Hamster, ich bin gefangen-gefangen" klagt Mary Grey, die in Bishopsgate unter Hausarrest steht. Während sie sich gegen die vielen Widrigkeiten ihres Alltags zur Wehr setzt, schreibt sie ein Journal, in dem sie all dies verzeichnet und ihre Verzweiflung zur Sprache bringt.

 

Inger-Maria Mahlke, Wie ihr wollt, Roman, Berlin Verlag 2015Machtkämpfe

Zugleich erinnert sie sich an die Rolle, die ihre Familie in den wirren und gewaltsamen Zeiten nach dem Tod von Heinrich dem Achten spielte, des Tudorkönigs, der zwei seiner fünf Ehefrauen hinrichten ließ. Inzwischen hat Elisabeth I. alle Machtkämpfe längst für sich entschieden, und die 26jährige, kleinwüchsige Mary kämpft um ihre Freilassung.
"Der einzige Weg liegt in IHREM Kopf, dort muss ich hinein, durch Damast und Edelsteine, durch Haare und Schädelknochen, und wenn ich dort bin, so lange arbeiten, bis SIE mich entlässt. Durch IHREN Mund, über die Feder eines Sekretärs, den Abdruck eines Siegels."

Verstrickt in Machtkämpfe

Die Sichtweise, die sie einnimmt, ist die einer begünstigten Adligen, denn auch sie stammt von einer Tudorkönigin ab. Ihre Schwester Jane wird nach neun Tagen als Regentin hingerichtet, die zweite Schwester Kat stirbt als Gefangene im Tower, Vater und Mutter verstrickten sich im Rattenrennen um die Macht, und sie sehnt sich im Rückblick verzweifelt nach den Privilegien, die sie verlor. Zugleich war sie als Kleinwüchsige immer eine Außenseiterin, und ihr böser und bitterer Blick auf die Exerzitien höfischer Macht und die Rituale der Unterwerfung entlarvt, wie hohl sie sind.
"Als wären nicht alle schuldig. Wenn alle schuldig sind, ist keiner mehr schuldig, nur derjenige, auf den man sich einigt. Auf Schuld und Unschuld kommt es nicht an."
Doch im Umgang mit ihrer Bediensteten Ellen ist sie arrogant und verschlossen, und erst ganz am Ende gelingt es ihr, Mitgefühl zu empfinden. "Traurig" lautet ihr Eintrag am vorletzten Tag, bevor sie Bishopsgate endlich verlassen kann und erfahren hat, dass ihre getreue Dienerin, ohne die sie sich nicht einmal ankleiden kann, sie verlassen wird.

Kunstvolle Sprache

Inger-Maria Mahlke gelingt es, die Verzweiflung und die widersprüchlichen Empfindungen dieser kleinen Frau aus einer scheinbar weit entfernten Zeit durch ihre kunstvolle und genaue Sprache wie mit einem Zoom ganz nah heranzuziehen. Dabei konzentriert sie sich auf die Essenz dieser Zeit, ohne sie mit dem üblichen historischen Dekor zu überfluten. Wie sehr sich politische Macht in den Körpern verankert, wird durch den Blickwinkel der körperlich benachteiligten Frau besonders deutlich:
"Weich ist Gnade, gewiss, und warm. Erst im Magen, eine Perle, die sanft schimmert und wächst, faustgroß wird, sich weiter ausdehnt, anschwillt zu einem Ball. Der aufbricht und Wärme in alle Glieder strömen lässt."

Anschauliche Bilder

Die adlige Herkunft war das einzige, was Frauen einen gewissen Schutz bot, vorausgesetzt, sie erhoben keine Ansprüche, arrangierten sich mit der Macht und fügten sich in die vorgegebene Ordnung ein, als 'Ehrenmädchen' bei Hofe, als Opfer arrangierter Heiraten. Inger-Maria Mahlke findet dafür anschauliche Bilder: Als etwa ein Korb mit Lerchen umkippt, flüchten die Vögel nicht in die Freiheit, sondern kauern sich an die Mauern, und auch Mary Greys Ausbruchsversuche enden immer an der Tür, die aus ihrem Gefängnis hinausführt. Die Autorin beschreibt sie als klug genug, diese grundsätzlichen Schranken genau zu spüren. Sie erlebt sie als inneres Schrumpfen, als körperliche Qual leerer Zeit, obwohl sie sie nicht grundsätzlich infrage stellen kann:
"Langeweile ist ein sanftes Tuch. Nur dass nach kurzer Zeit irgendwas straff wird, sehr straff, zwischen Becken und Kehle, wie Bänder, aufgespannte Bänder, vom Unterleib durch den Oberkörper bis hoch zum Hals."

Unglückliche Liebe

Am Ende ist diesem ungewöhnlich gut gelungenen historischen Roman die Abbildung eines Gemäldes beigefügt, das Mary Grey nach ihrer Freilassung malen ließ: Eine junge Frau in reichverziertem Gewand hat die Hände so gefaltet, dass man ihren Ehering sieht, auf ihrer Haube eine rote Nelke, Zeichen einer unglücklichen Liebe. Ihren Buckel, die "Erhebung" sieht man nicht, doch in ihrem eindringlichen Blick mischen sich Trauer, Vorwurf und leiser Spott.
(Lore Kleinert)

Inger-Maria Mahlke *1977 in Hamburg, Juristin und Schriftstellerin, lebt in Berlin

Inger-Maria Mahlke "Wie Ihr wollt"
Roman, Berlin Verlag 2015, 272 Seiten, 19,99 Euro
eBook 15,99 Euro

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