Neue Bcher

Annette Pehnt
Chronik der Nähe

Drei starke Frauen stehen im Mittelpunkt dieser "Chronik der Nähe", die doch von so viel Distanz erzählt. Großmutter, Mutter, Tochter, untrennbar verbunden durch ihre Lebensläufe, die sie selbst geprägt und zugleich der Tochter weitergegeben haben.

 

Annette Pehnt, Chronik der Nähe, Roman, PiperMacht und Ohnmacht

Mutter-Tochter - das ist eine lebenslängliche Beziehung, voller Vorwürfe, Spannungen, Missverständnisse, Bevormundungen, Erpressungen und Verletzungen. Mütter und Töchter kennen das "Spiel" nur allzu gut. Annie erlebt es immer wieder, Mutters Drohung mit dem Tod, obwohl ihr nichts fehlt. Diesmal scheint es ernst zu sein: "Ich sterbe, das fühle ich, diesmal sicherlich, es ist so weit."
Annie gerät jedesmal in Panik und weiß genau, was sie sagen muss, um die Mutter gleichsam wieder zum Leben zu erwecken: "Ich bin bei dir, Mutter, ich liebe dich." Eine Szene, die von Macht und Ohnmacht erzählt, von der Sehnsucht nach Liebe, vom ewigen Kampf zwischen Mutter und Tochter.

Zeitgeschichte

Gleich danach sitzt die Ich-Erzählerin am Bett der nun tatsächlich sterbenden Mutter und wird sich stellvertretend noch einmal erinnern - sieben Tage lang. Soviel Zeit bleibt, um den Tod fernzuhalten. Es geht um Beziehungsgeschichten, eingebettet in Zeitgeschichte, die sich in Vor- und Rückblenden überlagern und überschneiden. Die Biografien sind nicht immer ganz einfach auseinanderzuhalten. Kriegs- und Nachkriegszeit, Hunger, Zerstörung und Angst bestimmen entscheidend die Lebensrealität der drei Frauen, bewusst oder unbewusst. Es ist eine Welt fast ohne Männer, die Annette Pehnt beschreibt, Männer sind weg in diesen Zeiten.

Trauma für's Leben

Aber auch die Mutter ist ständig weg, um Lebensmittel zu organisieren. Das Kind muss sich allein behaupten, die Furcht im Zaum halten, wenn es mutterseelenallein im stockdunklen Keller auf einem provisorischen Bett liegt, jede Nacht, damit es bei Fliegeralarm keine Probleme mehr gibt, "weil Annies Beine nachts beim Alarm nicht mehr gehen ... Mutter wünscht ihr Gute Nacht und verschließt die Tür. Natürlich muß sie abschließen, denn sonst könnte ja jeder hineinkommen ..." Ein Trauma für's Leben. Kinder von Kriegskindern bekommen aber noch ganz anders, nämlich subtil und unterschwellig mit, gegen welche Ängste diese Generation zu kämpfen hatte. Eine Erkenntnis, die lange nicht beachtet wurde und inzwischen vielfach publiziert ist. Auch davon erzählt uns die Autorin.

Schonungslos

Ein sprödes, kühles Buch, oft schonungslos, dann wieder liebevoll, nahezu sachlich im Stil, obwohl es doch um Gefühle geht. Es ist eine Art "Selbsterkundung", wie Annette Pehnt sagt, mit existentiellen Geschichten über Mütter und Töchter, die wir so oder so ähnlich selbst erlebt haben. In "Chronik der Nähe" können wir sie wiedererkennen.
(Christiane Schwalbe)

Annette Pehnt *1967 in Köln, deutsche Schriftstellerin, lebt in Freiburg

Annette Pehnt "Chronik der Nähe"
Piper-Verlag 2012, 224 Seiten, 17,99 Euro, Taschenbuch 8,99

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