Neue Bcher

André Heller
Das Buch vom Süden

Was hat er nicht alles gemacht! Zirkus, Revuen und Feuertheater, er war Sänger, Autor und Schauspieler, hat Skulpturen fliegen lassen, verwunschene Paradiesgärten inszeniert und einen orientalischen Salon auf einem alten Frachtschiff. Nur ein Roman, der fehlte noch.

 

André Heller, Das Buch vom Süden, Zsolnay VerLust am Fabulieren

"Es war wie bei einer Ziehharmonika, mal mehr mal weniger", umschreibt Heller bei der Vorstellung seines Buches in Berlin den Entstehungsprozess und seinen großen Respekt vor der Literatur, weshalb er sich spät entschlossen hat, diesen Roman (zu Ende) zu schreiben, der irgendwann ausuferte und den er schließlich beherzt auf  336 Seiten gekürzt hat. Und dann erzählt er gleich noch diese und jene und eine weitere pointierte Anekdote aus seinem oder einem anderen Leben, der Vorrat scheint so unerschöpflich wie Hellers Lust am Fabulieren.

Nur im Süden

In "Das Buch vom Süden" spürt Heller einer Sehnsucht nach, einem Lebensgefühl, das Gottfried Passauer nach dem ersten Weltkrieg nicht wieder finden kann. Denn zusammen mit Triest und Meran und der südlichen Landschaft, "hatte Österreich die Zypressen verloren". Fortan gibt es für ihn keine Heimat mehr, "nur im Süden ist Rettung". Und einmal im Jahr, in den großen Ferien, reist die kleine Familie dorthin, der Vater, Julian und seine Mutter, eine besondere Frau, die stets alles schon weiß und versteht, ohne es zu sagen, und ihren Sohn so etwas Außergewöhnliches lehrt wie Gerüche zu erkennen.

Inbegriff des Lebens

Der eigentliche Held ist Julian. Mit den Eltern lebt er im Schloss Schönbrunn, wächst auf an einem magischen Ort, in dem sich Melancholie und Träume und geheime Wünsche mit einer Vergangenheit verbinden, die lang zurück liegt und doch weiter nachwirkt in den Alltag, in die Gegenwart. Wie die Geschichte eines ungarischen Juden. Gottfried Passauer hat Buchenwald überlebt und lädt ihn Weihnachten ein. Schluchzend beschreibt er der Familie sein lebenslanges Trauma: Auf der Flucht vor den Nazis ließ er seinen völlig erschöpften Bruder das giftige Innere von Pfirsichkernen essen, damit dieser endlich sterben konnte.

Unstillbare Sehnsucht

Der Vater schickt den Sohn auf eine lange Schiffsreise nach Afrika, weckt in ihm diese unstillbare Sehnsucht nach Süden, nicht aber wirklichen Ehrgeiz im Leben. Julian wird zu einem "fleißigen Taugenichts", als begnadeter Pokerspieler verdient er ein Vermögen und kauft sich ein Herrenhaus am Gardasee, in jenem Süden also, der schon für den Vater Inbegriff des Lebens war. In seinem verwunschenen  Garten und im Kreis von Menschen, die seit Jahrzehnten dort verwurzelt sind, findet er Ruhe, Trost und Inspiration. Er entdeckt die Frauen, liebt und lebt mit ihnen und braucht doch gleich drei, um dem Geheimnis tiefer Gefühle und dem Sinn und der Kunst des Lebens auf die Spur zu kommen.

Mit dem Füllfederhalter

André Heller ist ein Tausendsassa, ein Selbstdarsteller, der seine Fantasien wirkungsvoll in Szene zu setzen weiß, eine schillernde Persönlichkeit, die sich selbst gern einen "Sonderling" nennt. In seinem Roman führt er uns in eine Welt voller Merkwürdigkeiten, die es so schon lange nicht mehr gibt. "Hoffentlich hast du das alles mit Füllfeder geschrieben, denn die Buchstaben lieben Füllfeder" zitiert er seine Mutter, 102 Jahre alt, nachdem sie sein Buch gelesen hat. Und genauso fühlt es sich an - wie mit dem Füllfederhalter geschrieben, langsam und bedächtig, ein bisschen verschroben, wunderbar altmodisch im Tonfall, sehr wienerisch, wenn er seinen Grafen Eltz auftreten läßt, der Österreich mit kritischem Blick betrachtet, nostalgisch und opulent, manchmal elegisch, bisweilen pathetisch, immer genau beobachtet, philosophisch und poetisch und virtuos erzählt. Ein Entwicklungsroman, gewiss mit vielen autobiografischen Bezügen, und doch entzieht er sich jedweder genauen Kategorisierung. Er ist ganz einfach ein großes Lesevergnügen. 
(Christiane Schwalbe)

André Heller "Das Buch vom Süden"
Roman, Zsolnay 2016, 336 Seiten, 24,90 Euro
eBook 18,99 Euro

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