Neue Bcher

Hans Christoph Buch
Elf Arten, das Eis zu brechen

Die Fragen, woher er komme, wohin er gehe und wer er sei, stellt sich der Autor im Garten seines Hotels in Managua, zu Gast bei einem Schriftstellerkongress und Auge in Auge mit einem Leguan oder auch Chamäleon.

 

Hans Christoph Buch, Elf Arten, das Eis zu brechen. Roman. Frankfurter VerlagsanstaltUnbekanntes Ziel

Eine Antwort findet er hier nicht, zumal unklar ist, ob die Suche nach seinem Alter Ego Hans Busch, einem Ornithologen, vielleicht auch Spion, nicht die Suche nach sich selbst längst überlagert und ihn in einen Tagtraum oder eine Zeitreise geführt hat, ganz weit fort und mit keinem bekannten Ziel:
"H.C.Buch heißt der Typ, der mich für sein Alter Ego hält, ein Tintenkleckser wie er im Buche steht, und der Schreiberling hat es sich in den Kopf gesetzt, er und ich seien siamesische Zwillinge, weil es zwischen Ornithologie und Literatur, sofern man sein Geschreibsel so nennen will, mehr als nur partielle Übereinstimmungen gäbe."

Sprachliche Schönheit

Diese Suche nach einem flüchtigen Phantom zwischen Deception Island und Resolute Bay, vom Südpolarkreis bis in den Norden Kanadas, führt zumindest zur Erkenntnis, dass Eisbrecher keine Herzensbrecher sind, und mit dem Eis beginnt und endet das Buch. Wer Hans Busch wirklich war und ob es ihn jemals gab, ist nicht wirklich wichtig, denn diese Figur dient lediglich dazu, den Weg zu weisen, in das Nicht-Mehr oder Noch-nicht des Schriftstellers Buch, unterwegs im 'Geisterschiff der Literatur', wie es im Titel seiner preisgekrönten Poetikvorlesung hieß.
Hans Christoph Buch verknüpft seine Beobachtungen und Erinnerungspartikel in diesem dreiteiligen Band über sein Woher und Wohin lose zu völlig neuen, komplexen Gebilden, unzuverlässig wie das Packeis, aber von gewaltiger sprachlicher Schönheit:
"Schwamm es anfangs noch in Fettaugen auf dem Meer, hat es sich mittlerweile verdichtet von Eissuppe zu Eisbrei, von dort zu Pfannkucheneis und weiter von sauber ausgestanzten Kuchenstücken zu Eisbomben und Eistorten, bei deren Anblick einem das Wasser im Munde zusammenläuft. Dann kommen Tafeleisberge in Sicht, breit wie Fußballarenen und hoch wie Wolkenkratzer, von denen unaufhörlich Wasser rieselt, während ihre Fenster phosphoreszierend leuchten…Je nach Alter und Konsistenz des Eises ist die Oberfläche löchrig wie ein Schweizer Käse, rissig wie Parmesan oder wie Roquefort mit blaugrünem Schimmel marmoriert."

Scherz, Satire oder Ironie

Doch bevor er das Eis zum Hauptakteur seiner Geschichte erklärt, versucht Hans Christoph Buch, die Eisschichten, die sich über der eigenen Lebensgeschichte abgelagert haben, zum Schmelzen zu bewegen. Dass der Schwiegervater seinen Vater nicht gern sah, weil "Negerblut in seinen Adern floss", war ihm nicht neu, wohl aber der Hitlergruß, mit dem dieser Vater, ein Diplomat des Auswärtigen Amtes, sich am Ende eines langen Briefs aus Haiti verabschiedet:
"Und so schließe ich diese Zeilen mit einem markigen Heil Hitler! Und der Sohn des gebildeten Juristen und Gentleman aus Haiti fragt: War das politische Mimikry vorauseilender Gehorsam Scherz Satire Ironie mit oder ohne tiefere Bedeutung?"
– wieder eine Frage, die er unbeantwortet lässt, weil sich das Totgeschwiegene kaum mehr zum Leben erwecken lässt. Der Briefwechsel von 1937, in dem das Auswärtige Amt die geplante Eheschließung seiner Tante Jeanne Buch mit dem "Reichsdeutschen Willy Schlieker" verhindern will, wegen eben des familiären "Negerbluts" - sein Großvater hatte in Haiti eine Haitianerin geheiratet - führt ihn dann doch weiter, zur heroischen und zur unheroischen Version des Ausgangs der Geschichte seiner Tante und zurück zu seinem eigenen frühen Roman "Die Hochzeit von Port-au-Prince".

Zweite Wirklichkeit

Er spielt dabei mit den Texten Heinrich von Kleists und Alexander von Humboldts und den Vorurteilen ihrer Zeit, befragt sie und weiß doch um die Brüchigkeit aller Antworten. Die "Infragestellung Europas im Namen der Dritten Welt" lässt er kurz aufscheinen, und bewusst stellt er den Bezug zu einigen seiner großen Reisen im Namen der Literatur her: Russland, Kambodscha, die Tropen, das nicht mehr ganz so ewige Eis. Als er im Transitbereich des Flughafens Bangkok auf illegale Einwanderer trifft, Staatenlose aus dem Kongo, die hier seit Monaten vegetieren, wird ihm eine vage Ahnung zur Gewissheit,
"die Ahnung, dass es jenseits der von Lebenden bewohnten Welt eine zweite Wirklichkeit gibt, in der Untote, die nicht sterben können, Kanalgitter umdrängen, durch die trübes Licht in ihre unterirdischen Behausungen sickert."

Dunkler Punkt am Horizont

Hans Christoph Buchs Sprachbilder, seine kühnen Verknüpfungen beschwören die Untoten der Geschichte und verorten sie in den Falten und Abgründen unserer Gegenwart, eindringlich und zart und mit feinem Gespür für das, was nur scheinbar nebensächlich erscheint. Im Kapitel "Erziehung durch Tanten" setzt er nicht nur einer alten Nachbarin, die ihn Ende der 40er Jahre stellvertretend bemutterte, ein Denkmal, sondern entreißt die Zeiten dieses längst vergangenen Lebens dem Eis des Vergessens.
"Männchen, üb immer Treu und Redlichkeit. Und zieh dich warm an, ruft Tante Mosler mir zu, jetzt schon aus weiter Ferne, ihr Witwenkleid nur noch ein dunkler Punkt am Horizont."
(Lore Kleinert)

Hans Christoph Buch *1944 in Wetzlar, deutscher Schriftsteller und Journalist, lebt in Berlin

Hans Christoph Buch "Elf Arten, das Eis zu brechen"
Roman, Frankfurter Verlagsanstalt 2016, 256 Seiten, 21 Euro
eBook 14,99 Euro

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