Neue Bcher

Andreas Maier
Das Haus

Die Kindheit, das Paradies ganz ohne Zwänge und Menschen? Ein Sehnsuchtsort allenfalls der ganz frühen Jahre. Doch schon als Kleinkind beunruhigt der Ich-Erzähler Andi seine Eltern, weil er nicht spricht, und die ältere Schwester stürzt ihn mit ihren zerstörerischen Spielen in tiefe Verzweiflung. Mit dem Kindergarten setzt seine Zeitrechnung ein,– denn er erleidet einen Schock, als er zum ersten Mal die anderen Kinder erlebt.

 

Andreas Maier, Das Haus, Suhrkamp VerlagGruppenregeln

Sie waren schnell, und sie handelten nach Gesetzen, die mir völlig verschlossen blieben. Diese Kinder waren eine Gruppe, die erste meines Lebens. Diese Gruppe funktionierte nach Regeln, die ich nicht kannte und eigentlich bis heute nicht kenne. Vor meinen Augen verwandelten sich die Kinder in Handlungsautomaten.

Und ihre Art zu spielen, zu kommunizieren, ist für Andi, das stumme, besondere Kind, unerträglich. Wahrheit, schreibt Andreas Maier, war dort nicht vorhanden, nur Gruppenverhalten. Aus seinen Erinnerungen, den Dingen, die ihn umgeben haben, aus Familienanekdoten und Überlieferungen rekonstruiert der Schriftsteller die Welt eines Kindes, das scheuer und empfindlicher ist als andere, und das keinen Grund findet, sich anzupassen. Im ersten Teil der Romans spielen die Räume die Hauptrolle, im Keller vor allem, wo Andi in den Bastel-, Wäsche- und Heizungsräumen Zuflucht und Ruhe findet.

 

Unbewegte Welt

Ganz allein im Haus zu sein, das war der seltsamste Zustand, den ich kannte. Er machte mich fast besinnungslos. Dieser Zustand versetzte mich in eine Art Euphorie, die mich zugleich am allergründlichsten lähmte und tatenlos machte, und zwar allein, weil durch diesen Zustand ein so großes Glückverheißen war, dass ich damit zunächst gar nichts anzufangen wusste.

Die Dinge, die Gerüche, Licht und Schatten – für das Kind wird diese unbewegte Welt zum Gefährten, zur Bühne, beschrieben mit großer Liebe zum Detail. Im zweiten Teil des Romans "Draussen" fordert die Gesellschaft der Menschen jeden Tag aufs Neue, anders zu sein, als man ist – und anders als der Kindergarten läßt sich die Schule nicht – oder jedenfalls meistens nicht verhindern.

 

Problemkind

Jeden Tag war ich wie ein aus der Bahn geworfener Satellit auf dem Schulhof, und alle anderen schienen ihre festen Umlaufbahnen zu haben. Manchmal suchte ich Hilfe, indem ich durch das Tor des unteren Schulhofs auf die Straße hinauszutreten versuchte, um mich dort von einem Automobil überfahren zu lassen. Aber auch dort stand immer eine Aufsicht und achtete streng darauf, dass keines der Kinder das Schulgelände verließ.

Andreas Maiers Blick auf das Kind, dem die anderen als vielköpfiges und hundertarmiges, lautes und seltsam schnelles Wesen erscheinen, ist genau, bisweilen auch gnadenlos, doch anders als bei Thomas Bernhard, an den die Sprache dieses Romans oft erinnert, ist es kein böser Blick. Ohne den Schrecken des Kindes zu verraten, weiß der Schriftsteller Maier sehr genau, worin die Unfähigkeit der Erwachsenen begründet ist, wenn sie aus dem Jungen einen "Problemandreas" machen.

Wieso scheut er nur den Kontakt zu den anderen Kindern? Und was soll daraus werden? Er ist jetzt schon so lange in der Schule und hat noch nie einen Freund gehabt, hat noch nie mit irgendwem gespielt, will niemanden kennenlernen, will immer nur allein zu Hause oder mit seinem Fahrrad draußen sein, das ist alles sehr problematisch, nur weiß man keine Lösung.

 

Familienrituale

Mit Trost und Zuversicht wird er tagtäglich traktiert, damit er von sich selbst erlöst werde und alle anderen sich wohler fühlen können. Und was für alle anderen erträglicher ist, das erzählt Maier in anrührender Weise, bleibt für den Außenseiter andauernde Qual: – die kommunikativen Familienrituale, die lärmenden und beständig wetteifernden Mitschüler. Doch zugleich beschreibt er auch, wie sich der Junge aus seinem Chaos herausentwickelt: Das Fahrrad erweitert seinen Weltkreis und seine Selbstständigkeit, ein Baumhaus wird zum Zufluchtsort, Kontakt mit einem anderen Kind entsteht – und die Migräne des Vaters lehrt ihn, dass Schwäche nicht nur das Schicksal des eigenbrötlerischen Kindes ist.
Auf elf Teile ist Andreas Maiers Familiensaga aus der Wetterau angelegt - dieser zweite Teil ist erfüllt von der Seele eines Kindes, das der Schriftsteller Andreas Maier mithilfe der Erinnerung aus seinem Verstummen erlöst.
(Lore Kleinert)

Andreas Maier *1967 in Bad Nauheim, dt. Schriftsteller, lebt in Frankfurt/M.

Andreas Maier "Das Haus"
Suhrkamp Verlag 2011, 164 Seiten, 17,95 Euro

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