Neue Bcher

Jo Lendle
Alles Land

Von seiner letzten Reise sollte er nicht mehr zurückkehren. Was Alfred Wegener noch einmal in den hohen Norden trieb, gegen den erklärten Protest seiner Frau: Er wollte eine Station auf dem grönländischen Inlandeis einrichten, in der man überwintern konnte, um Messungen durchzuführen. Schweremessungen, Messungen der Gletscherbewegung, der Temperatur, der Dicke des Eises.

 

Jo Lendle, Alles Land, Über Alfred WegenerEin Leben für die Forschung

Wir lernen Wegener als Besessenen kennen, der sein Leben der Forschung verschrieb, weil er nicht anders konnte. Mit 26 Jahren, nach dem Studium der Physik, Meteorologie und Astronomie, stellte er zusammen mit seinem Bruder einen neuen Rekord im Ballonfahren auf, 52 Stunden ununterbrochen in der Luft und über die Erschöpfungsgrenze hinaus.

"Abends schrieb Wegener in sein Notizheft: Die Welt von oben. Es leben wohl bald so viele Menschen auf der Erde wie jemals gestorben sind. Dem sollte ich weiter nachgehen."

Und wie er all den Fragen nachgeht, die ihn bedrängen und die er nicht auf sich beruhen lassen kann, das beschreibt Jo Lendle facettenreich, in einer ebenso dezenten wie bilderreichen Sprache. Er erweckt in seinem Roman einen Wissenschaftler zum Leben, der für seine Forschungen kämpfen musste.

Die Seele eines Abenteurers

Seine Theorie von der Drift der Kontinente wurde erst dreißig Jahre nach seinem Tod als bahnbrechend anerkannt, und seine Forschungsfahrten ins grönländische Eis stellten ihm immer wieder vor gewaltige Probleme. Wegener hatte die Seele eines Abenteurers, ausgestattet mit dem inneren Kompass des Gelehrten.

"Das Meer floss aufwärts. Er war sich bewusst, einer Täuschung aufzusitzen, aber es ließ sich nicht anders beschreiben... Er fragte sich, ob das Wissen, dass etwas nicht sein konnte, dabei half, eine Täuschung zu entkräften, oder ob sie sich durch einen solchen Eindruck gar nicht beeindrucken ließ. Das Gefühl, einen Hang hinaufzufahren, war jedenfalls nicht zu verscheuchen.

Wissbegierig schon als Kind

Dadurch, dass wir Wegener schon als wissbegieriges Kind aus einer Pastorenfamilie kennenlernen, ist es umso reizvoller, an seiner Entwicklung teilzuhaben – der Junge, der die Muster der Eisblumen abzeichnet und eine Sammlung anlegt, der junge Wissenschaftler, dessen Briefe an seine zukünftige Frau Else von der Bewegung der Kontinente schwärmen, der frischgebackene Vater, der für seine Liebesbriefe aus dem 1. Weltkrieg keine Worte findet.

 

Frei von Vorurteilen

Nur, wenn er unterwegs ist, Eis, Schnee und Stürme bewältigt, ist er ganz bei sich selbst, kann, von Vorurteilen und wissenschaftlichen Sackgassen unbehindert, zwischen dem Land der unbegrenzten Fragen und dem der gesicherten Erkenntnisse hin und her wandern.

"Wie zuverlässig der Körper auf Niedergeschlagenheit mit Erschöpfung und Trägheit reagierte. Der einzige Antrieb, der aus einer Enttäuschung folgte, mochte gesteigerter Appetit sein, um dem Ärger zu begegnen. So jedenfalls ging es ihnen. Die Hungergefühle jedoch mussten sie bis zum Erreichen des Depots verschieben, auf unbestimmte Zeit. ... Nachts wusste er auf einmal, dass er eine Lücke im Leben hatte, wie jeder andere auch. Einen nicht genommenen Ausweg, dem er nachtrauerte. Wohin, fragte er sich selbst, träumst du dich, wenn du dich fortträumst? Die Frage blieb ohne Antwort.

Rastlosigkeit und Zweifel

Jo Lendles fesselnder Wissenschaftsroman stützt sich auf Tagebücher und Expeditionsberichte Wegeners, die Erinnerungen seiner Frau und seiner Tochter Käte, ohne dass er allzu dokumentarisch erscheint. Schwebend und leicht bleibt er an Wegeners Seite, erschafft Stimmungen und Gefühle, die seine Rastlosigkeit und seine Zweifel miterleben lassen, und so setzt der Autor diesem leidenschaftlichen Forscher, dem Unordnung und Kopflosigkeit zuwider waren, ein großes und einfühlsames Denkmal.
(Lore Kleinert)

 

Jo Lendle "Alles Land"
DVA 2011, 384 Seiten, 19,99 Euro

Weiterer Buchtipp zu Jo Lendle
"Was wir Liebe nennen"

Zusätzliche Informationen