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Klaus Harpprecht
Arletty und ihr deutscher Offizier
Eine Liebe in Zeiten des Krieges

Eine Liebesgeschichte, die vor allem von der Liebe des Autors zu seiner Hauptdarstellerin erzählt und zu ihrem Land Frankreich. Hier lebt Klaus Harpprecht seit fast dreißig Jahren. Als er 20 Jahre alt war, 1947, sah er Arletty zum ersten Mal auf der Leinwand eines Stuttgarter Kinos, in Marcel Carnés großem Film "Les Enfants du Paradis", den "Kindern des Olymp", und wie unzählige junge Deutsche war er hingerissen von der Virtuosität des Spektakels aus der Pariser Theaterwelt, der Melancholie des stummen Pantomimen Debureau, den opulenten Massenszenen, dem poetischen Drehbuch Jacques Préverts.

 

Klaus Harpprecht, Arletty und ihr deutscher Offizier, FischerUnsterbliche Kinoliebe

"Die konzentrierte Aufmerksamkeit des jungen Mannes richtete sich freilich auf Arletty, die schöne Garance, deren beunruhigende Passionen die komplexe Handlung aufzusprengen drohten – und sie in Wahrheit mit sanfter Unerbittlichkeit zusammenhielten. Sie wurde seine unsterbliche Kinoliebe, niemals aus der Erinnerung gelöscht, in mehr als sechs Jahrzehnten nicht blass geworden, noch immer eine Lockung für unverwelkte Sehnsüchte und Phantasien."

Diese vom Kino gespeiste Phantasie ist der Stoff, aus dem Harpprecht seine Liebesgeschichte zwischen den Fronten des zweiten Weltkriegs destilliert. Als Arletty den Armeerichter Hans-Jürgen Soehring 1940 trifft, ist sie 42 Jahre alt, er 10 Jahre jünger; im besetzten Paris versuchten viele der deutschen Offiziere, das deutsche Ansehen durch Rücksichtnahme auf die Ansprüche der kultivierten Kreise zu heben. Man wollte – zumindest anfangs - eine gute Figur machen, und der französische Widerstand hatte sich noch nicht formiert.

 

Flucht ins Traumreich

Die Pariser Kunstszene von Cocteau bis Picasso traf auf frankophile Bewunderer wie Ernst Jünger oder Friedrich Sieburg. Arletty lernte mit Hans-Jürgen Soehring einen belesenen, weltläufigen Mann kennen, der dem totalitären und rassistischen Regime, dem er diente, entfliehen wollte – in einen Elfenbeinturm, ein irreales Traumreich mit der Geliebten im Zentrum.

"Sie verweigerten sich dem Krieg, den Soehring hernach in seinen literarischen Versuchen ins irreale Reich des Mythisch-Abstrakten erhob. ..Sie schlürften ihre Austern, und es schien ihnen nicht in den Sinn zu kommen, dass sich eine Million Pariser dort draußen mit Lebensmittelrationen abzufinden hatten, die im Fortgang des Krieges knapper und knapper wurden…In ihrem solitären Glück schien es ihnen nicht gegenwärtig zu sein, dass dort draußen Tausende jüdischer Familien bei den großen Razzien aus ihren Wohnungen und ihren Verstecken gescheucht wurden – von französischer Miliz, aus dem Hintergrund von den Schergen des SD und der Gestapo gelenkt."

 

Amour fou

Über was mögen sie gesprochen, was ersehnt haben? Klaus Harpprecht füllt die Leerstellen dieser Amour fou, die kaum drei Jahre dauerte, mit großer Intuition aus, und vor allem lässt er sie im Kontext ihrer Zeit lebendig werden. Als „Die Kinder des Olymp“ nach Kriegsende am Schneidetisch fertig gestellt wurde, war Arletty als Kollaborateurin interniert – man verzieh ihr die Liebe zum deutschen Besatzer lange nicht. Soehring sah sie erst Jahre später wieder, als er sich im Rahmen der Gruppe 47 erfolglos als Schriftsteller versuchte, und an ihre Liebe im Krieg ließ sich nicht mehr anknüpfen. Dank Klaus Harpprechts profundem Hintergrundwissen erfahren wir vieles über die brutale Okkupation, über Irrtümer der Resistance, über Menschen, die zwischen die Fronten gerieten und dafür ihren Preis bezahlten, schuldig oder nicht, und das Weiterleben übten. Und Arletty?

 

Liebe in Zeiten des Krieges

"Sie bestand darauf, ein „unpolitischer Mensch“ zu sein. Das hielt die Politik nicht davon ab, immer wieder – und im Fortgang der Jahre mit wachsender Vehemenz – in ihr Leben einzudringen. Sie verteidigte mit leidenschaftlicher Energie die Privatheit ihrer Existenz. Aber sie war, als eine der Großen des französischen Films und Theaters, eine „öffentliche Person“. Sie hätte gern mit dem Rücken zur Zeitgeschichte gelebt, aber die ließ sie nicht aus den Fängen."

Diese Geschichte einer Liebe in Zeiten des Krieges ist weit mehr als eine Biografie, wiewohl sie durchaus Einblick gewährt, wie ein französischer Kinostar sich von den Anfängen im Arbeiterviertel zur Grande Dame mit frechem Mundwerk mauserte und sich nicht korrumpieren ließ. Die klugen Betrachtungen, wie sich das Milieu der Künstler vor und nach dem Krieg veränderte, öffnen den Blick für den sehr speziellen Kulturkosmos des Nachbarlandes – ein vielfarbiger Bilderbogen auf dem tiefschwarzen Grund politischer Machtspiele mit blutigem Ausgang.
(Lore Kleinert)

Klaus Harpprecht *1927 in Stuttgart, Journalist und Schriftsteller, lebt in La Croix-Valmer, Südfrankreich

Klaus Harpprecht "Arletty und ihr deutscher Offizier"
Eine Liebe in Zeiten des Krieges
S. Fischer Verlag 2011, 460 Seiten, 24,95 Euro

 

 

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