Neue Bcher

Kerstin Preiwuß
Nach Onkalo

"Die Tage unterscheiden sich nicht. Sie wechseln einander nur ab. Aber das Licht ändert sich und bringt vieles zurück." Als Matuscheks Mutter stirbt, verändert sich nicht nur das Licht. Der 40jährige Hilfsarbeiter, der für den nahegelegenen Flugplatz im leeren Mecklenburg das Wetter beobachtet, ist es nicht gewohnt, für sich selbst zu sorgen.

 

Kerstin Preiwuß, Nach Onkalo,  Roman, Berlin Verlag, 2017Die Tauben kommen

Zunächst greift ihm sein einziger Nachbar, der Russlanddeutsche Igor, unter die Arme, und auch die Brieftauben, seine Leidenschaft, die er mit dem alten Witt teilt, verbinden ihn noch mit der Welt.
"Matuschek hat noch nie einen Pokal geholt, noch hat er je eine Asstaube in seinem Stall gehabt. Aber darum geht es ihm nicht, sondern da ist dieses Gefühl, das sich stumm in ihm ausweitet und ihn für alles entschädigt, was sonst fehlt. Wenn sie aus dem Himmel stürzen. Wenn sie die Flügel anlegen und zack, einfach da sind. Zu wissen, dass die Tauben kommen, dass sie immer wiederkommen, egal von wo, und sein Haus ist das Zentrum der Welt."
Doch als die aufkeimende Liebesbeziehung mit der Russin Irina scheitert und schließlich auch Igor stirbt, gerät Matuscheks kleine Welt immer mehr in eine Schieflage und droht, verloren zu gehen.

Wolken schweben

Kerstin Preiwuß dringt mit großer Empathie in die Lebensschichten derer vor, die scheinbar nicht gebraucht werden, aber immer da sind, wenn der Dreck anderer beseitigt werden muss. Matuscheks Mahner Witt arbeitete in Lubmin, dem einzigen Atomkraftwerk der DDR, er philosophiert über den Weltuntergang und hält sich daran fest, dass er den Schlendrian in Schach gehalten hat. An seiner Angst vor der Katastrophe geht er schließlich im eigenen, selbstgebauten Atombunker zugrunde.
Igor, dessen Ideen Matuschek beflügelten, ertrinkt im See, in dem sie oft angelten, nachdem ihn seine Frau verließ, weil er vor lauter Arbeit nie mehr da war. Lakonisch und unsentimental verleiht die Erzählerin ihnen alle eine Stimme und spricht schließlich, ein einziges Mal, als Matuschek fast am Ende ist, in einer phantastischen kurzen Sequenz das aus, was nie jemand zu einem wie ihm sagt:
"So weit ist es mit dir gekommen. Was hat es dir gebracht? Weißt du, wie die Wolken schweben? Hast du erkannt, wie breit die Erde ist? Deine Arbeit bist du los. Lewandowski reißt dir noch das Klo unterm Hintern weg, und du wehrst dich nicht mal … Komm Hans, komm, steh wieder auf und wasch dir die Kotze ab! Solche wie dich wird es immer geben. Das muss man vorher wissen, nicht erst, wenn es zu Ende geht."

Hans im Glück

Ein einziges Mal wird dieser wortkarge Mann aus dem Osten, dessen Leben aus den von Anderen geordneten Bahnen fällt, mit seinem vollen Namen angesprochen. Und weil man ihn längst ins Herz geschlossen hat, mit seinen Tauben, seiner Unbeholfenheit und Sturheit, erkennt man in ihm einen "Hans im Glück“, der nicht nur verliert, sondern immer wieder auch aufsteht, weitermacht, hofft. Auch wenn er es nicht in Worte fassen kann, und das ist die große Kunst der Erzählerin Kerstin Preiwuß: in ihrer Nahaufnahme einer hinterlassenen Welt das zu entdecken und zur Sprache zu bringen, was bleibt und was fehlt, was man vermisst und vielleicht sucht, auch wenn es im Schutt abzubauender Atomkraftwerke verborgen ist. Das ist weit weniger resignativ als es mitunter klingt, und die Fische und die Tauben mit all ihren kleinen, aber wichtigen Besonderheiten sind für einen traurigen Helden wie Matuschek, einen 'Hans im Unglück' aus einem untergegangenen Land Zeichen der Beharrlichkeit der Natur, die es ihm erlauben, sein Leben neu zu ordnen.
"Man gewöhnt sich an alles, auch an das, was fehlt. Und auch an das Nichtgewöhnen gewöhnt man sich, oder besser, passt sich an, denn eigentlich fehlt immer was, aber hier wird es zerstoßen, bis es im Grau der Schuttberge verschwindet, die irgendwann als Asphalt auf einer Autobahnraststätte landen. Reaktorbeton platzt bei Hitze nicht so schnell auf."
(Lore Kleinert)

Kerstin Preiwuß, *1980 in Lübz / Mecklenburg, Germanistin und Autorin, lebt in Leipzig

Kerstin Preiwuß "Nach Onkalo"
Roman, Berlin Verlag 2017, 240 Seiten, 20 Euro
eBook 17,99 Euro

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